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The Rise and Triumph of the Modern Self

“The Rise and Triumph of the Modern Self” von Carl R. Trueman ist das Buch, welches mich im vergangenen Jahr am meisten beschäftigt hat. Trueman zeigt auf unglaublich spannende Art und Weise auf, wie es dazu gekommen ist, dass wir in einer hypersexualisierten Welt leben, in der Sex Norm und Politik geworden ist und die Aussage “Ich bin ein Mann gefangen im Körper einer Frau” nicht nur einfach Sinn für den Normalbürger unserer Zeit ergibt, sondern unterstützt und als “normal” angesehen wird.
Weil ich von der Wichtigkeit dieses Buches überzeugt bin, ist es daher mein Anspruch in diesem Book Review, eine umfassende Zusammenfassung der Gedankengänge des Autors wiederzugeben.

Einleitung – Introduction

Trueman beginnt damit, den Sinn des Lesers für den Begriff der sexuellen Revolution (sexual revolution) zu schärfen, indem er darauf aufmerksam macht, dass diese nicht einfach nur diejenigen Sexualpraktiken umfasst, die wir besitzen, die in vorangegangenen Generationen eben noch keine Rolle spielten. Vielmehr beinhaltet sexuelle Revolution in der Definition von Trueman eine völlig umgekehrte Welt, die jegliche vormals gezogenen Grenzlinien nicht mehr nur immer weiter nach außen verschiebt, sondern die Grundlage, auf denen diese errichtet wurden, völlig über Bord geworfen hat, was sich letztlich auch in Institutionen wie der Sprache einer Gesellschaft niederschlägt. Als Beispiel führt der Autor hierfür die vielen “Phobien” mit sexuellem Bezug an, die Einzug in unsere Sprache gehalten haben (Homophobie, Transphobie etc.). Das Ich (self) beschreibt für ihn, wie eine Person sich innerlich und äußerlich in Abgrenzung zu anderen Personen auffasst. Des weiteren weist er darauf hin, dass die historischen Entwicklungen, die zu dieser Revolution geführt haben, nie getrennt voneinander betrachtet werden dürfen, ist sich jedoch gleichzeitig bewusst, dass er keine vollumfängliche Betrachtung der Faktoren durchführen kann. Es ist Trueman jedoch wichtig, insbesondere darauf hinzuweisen, dass er keine nostalgische “damals war alles besser”-Herangehensweise verfolgt, sondern einen Beitrag dazu leisten will, wie es passiert ist, dass eine ganz bestimmte Ansicht des Ich die heutige Welt dominiert und warum sich diese zuvörderst in der markanten Veränderung traditioneller Sexual-Konventionen zeigt.

Neuinterpreation des Ich – Reimagining the Self

Um verstehen zu können, warum die Aussage “Ich bin ein Mann gefangen im Körper einer Frau” heutzutage zutiefst die Identität einer Person ausmacht, oder etwas allgemeiner formuliert, warum Sexualität in unseren Tagen für den Großteil der Menschen Identität ist, bedient sich Trueman der Frameworks der Philosophen Charles Taylor und Alasdair MacIntyre sowie des Soziologen Philip Rieff. Besonders hilfreich bei Taylor ist der von ihm geprägte Begriff der sozialen Idee (social imaginary), der beschreibt, wie sich Individuen die Welt, in der sie leben, und ihre Beziehung zu ihr vorstellen. Hier gilt es zwei Arten der Weltanschauung zu unterscheiden: während Mimesis die Welt als einen Ort ansieht, in dem Sinn von außen vorgegeben ist oder zumindest gefunden werden kann, beschreibt Poiesis eine Welt als Ort, der letzlich allein von Atomen bestimmt wird und den es in einer anderen Konstellation des Zufalls nie gegeben hätte. Eine erste Beobachtung von Trueman ist diejenige, dass die Welt in unserer Zeit von einer vormals mimetischen zu einer mehr und mehr poetisch aufgefassten geworden ist.

Rieffs Arbeit hilft uns zu verstehen, dass der Mensch lernt, wer er ist, wenn er lernt, wie er zu seiner Gesellschaft passen kann. Die Auffassung hat hierbei im Zeitablauf einen signifikanten Wandel erlebt: hat früher der political man sich selbst als Teil eines antiken/mittelalterlichen Stadtstaates gesehen, dem gegenüber man loyal sein musste, spürte der religious man in der Folge eine starke Beziehung zu seinem Glauben. Die Unterscheidung zwischen dem economic man und dem heutigen psychologic man lässt sich gut anhand eines Beispiels beschreiben: der economic man war dann zufrieden mit seiner Arbeit, wenn er sich und seine Familie ernähren und Schuhe für seine Kinder kaufen konnte – unabhängig davon, wie schmutzig und hart sein Job war. Dem heutigen psychologic man jedoch ist es wichtig, Erfüllung, Verantwortung und Spaß in seiner Arbeit zu finden, auch wenn das negative Folgen für seine Außenwelt bedeuten würde – individuelles psychologisches Wohlbefinden triumphiert.

Trueman zeigt auf, dass eine frühere Gesellschaft bildende Institutionen (Schulen, Universitäten) dahingehend nutzte, Einzelne zu formen und sie ihren Werten und Normen gerecht zu erziehen. Infolge des Shifts zum psychologic man jedoch sind externe Muster zur Repression geworden und Schüler gehen heute in die Schule um zu performen, nicht um geformt zu werden. Das Individuum ist zum König mutiert. Wenn Identität jedoch eine Sache allein der social imaginary des Einzelnen geworden und das Denken des Menschen als souverän angesehen wird, so wird Identität so unendlich wie die menschliche Vorstellungskraft. Jeder kann jeder werden und sein. Eine weitere Beobachtung, deren Ursprung Trueman (und auch wir hier) an späterer Stelle aufzeigt, ist die, dass Identität mehr und mehr in Bezug auf die eigene Sexualität definiert wird. Die Frage, die sich stellt, ist die: warum werden nicht alle sexuellen Identitäten von den anderen Individuen einer Gesellschaft geduldet? Warum wird es gefeiert, wenn sich jemand als schwul oder transsexuell outet, es jedoch verabscheut, wenn jemand mit seiner Schwester oder kleinen Kindern schläft? Rieffs Rahmen liefert hierfür keine Antwort, bringt jedoch einen spannenden Punkt: warum reicht es einem Individuum nicht, dass seine sexuelle Identität einfach akzeptiert wird, warum benötigt er darin dringend Bestätigung? Warum ist es für ein schwules Paar nicht ausreichend, wenn ein Bäcker im näheren Umkreis ihm eine Torte für die Hochzeit verkauft, warum muss es jeder beliebige Konditor in Kombination mit einer Glückwunschkarte tun? Charles Taylor und G. W. F. Hegel liefern ein Framework, in das sich diese Fragestellung hilfreich einordnen lässt: die Frage, wer wir sind, verbinden wir mit dem, wie wir uns in Beziehung zu anderen sehen (ein Vater beispielsweise definiert sich selbst sehr stark darüber, dass er in enger Beziehung zu seinem Kind steht). Wir zeigen das heute unter anderem durch Kleidung, über die wir Zugehörigkeit zu einer größeren Gruppe zeigen oder herstellen wollen. Hegel sagt, dass ein Individuum dann selbst-bewusst ist, wenn es weiß, dass andere Individuen es als selbst-bewusst anerkennen. Selbst-bewusst zu sein bedeutet, die “Sprache” der Gruppe im Sinne aufgefasster und verstandener Werte, Ansichten etc. zu sprechen. Und da in unserer Welt beobachtet werden kann, dass heute eine starke Betonung auf marginalisierten bzw. Opfer-Gruppen liegt (eine Entwicklung, die Trueman ebenfalls erst später betrachtet), sind Identitäten, die von der breiten Gesellschaft als diejenigen in der Opferrolle (z.B. Schwule, die erst seit kurzer Zeit nicht mehr für ihre Sexualität bestraft werden, sondern nahezu gleiche Rechte genießen wie Heterosexuelle) angesehen werden, als selbst-bewusste Menschen anerkannt, während Gruppen, die als andere opfernd gelten (z.B. Pädophile), diesen Status nicht innehaben. Hierarchien (ein schwules Paar kann zwar, jedoch nur in einer von fünf Bäckereien im Umkreis von fünf Kilometern, eine Torte kaufen) werden als repressiv angesehen und machen den Menschen inauthentisch und entfremden ihn von dem, was er wirklich ist. Anerkennung erfordert mehr als bloß Toleranz, sondern absolute Gleichheit vor dem Gesetz und der Gesellschaft.

Neuinterpreation unserer Kultur – Reimagining Our Culture

Philip Rieff bringt den interessanten Gedanken, dass sich Kulturen in drei Kategorien einteilen lassen: zunächst ist da die first world, in denen festgesetzte, nicht antastbare Moralkodizes herrschen und in der man an etwas größeres als das eigene Ich glaubt, aber nicht an einen Gott. Eine second world charakterisiert Rieff dadurch, dass sie ihre Ethik und ihren Glauben an etwas Transzendentes an einer bestimmten Religion und einer heiligen Ordnung festmacht. Eine third world jedoch gibt den Glauben an etwas Transzendentes völlig auf; jeder rechtfertigt seine Handlungen einzig und allein mit persönlichem Wohlwollen. Eine solche Kultur hat nach Rieff noch nie überlebt, da sie einen völlig unsicheren und der menschlichen Lust und Laune unterworfenen Rahmen zur Grundlage des (Zusammen-)Lebens macht. Alasdair MacIntyre kommt mit dem Begriff des Emotivismus ins Spiel, der letztlich aussagt, dass ethische Sätze keine allgemeingültigen Sätze, sondern emotionale Einstellungen sind. Eng daran angelehnt ist der Expressivismus, den wir alle schon einmal folgendermaßen ausgedrückt gehört haben: “in meinem Herzen fühle ich, dass es richtig ist”. In einer third world gibt es keine objektive Ethik mehr, sondern nur subjektiven Diskurs. Wer legt jedoch fest, wer Recht hat?

Laut Rieff leben wir spätestens seit Beginn der französischen Revolution in einer solchen third world, da dort (im Gegensatz zur Reformation des 16. Jahrhunderts, in der religiöse Argumente nur neu diskutiert und anders ausgelegt wurden) im Zuge der Aufklärung kein Gott mehr benötigt wurde, um die Welt zu erklären. Ein weiterer (wieder kaum zu übersetzender) Begriff, der den Wandel von der second zur third world verdeutlicht, ist der der deathworks. Damit sind (Kunst-)Werke gemeint, die für Menschen der first bzw. second world Heiliges so darstellen, dass dieses degradiert und gar abstoßend erscheint. Als Beispiele führt Trueman Piss Christ von Andres Serrano (eine Fotografie, die ein Kruzifix in einem mit Urin gefüllten Glasbehälter zeigt) und Pornographie an. Letztere ist deswegen ein sehr markantes Beispiel, da Sexualmoral und -praktiken, die in einer second world durch Religion bestimmt werden (im Christentum ist Sex eine geheiligte, wunderschöne Institution, die Ehepaare praktizieren, die sich einer lebenslangen, hingegebenen Beziehung in Reinheit und exklusiver gegenseitiger körperlicher Intimität verschrieben haben), über Bord geworfen werden: Pornographie zeigt, dass Sex ein Selbstzweck geworden ist und nicht mehr Teil von etwas größerem, geheiligtem (einer Ehe) ist.

Der andere Genfer – The Other Genevan

Während der Genfer Jean Calvin ein wichtiges Glied der Reformation innerhalb der second world war, hat die Revolution, die wesentlich zum Shift hin zur third world beigetragen hat, ein anderes Gesicht: Jean-Jacques Rousseau. In seinen Werken hat er inbesondere den humanistischen Glauben geprägt, dass der Mensch nicht intrinsisch böse ist, sondern durch die Gesellschaft zu dem bösen Wesen, das Straftaten begeht und andere unterdrückt, gemacht wurde. Der Kirchenvater Augustinus hatte das genaue Gegenteil der Bibel entnommen (“Es ist keiner gerecht, auch nicht einer; es ist keiner, der verständig ist, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen, sie taugen alle zusammen nichts; da ist keiner, der Gutes tut, da ist auch nicht einer!“, Römer 3, 10-12). Rousseau kommt damit zu der Auffassung, dass ein Unterdrücken der guten, persönlichen Sehnsüchte und Verlangen durch die Gesellschaft den Menschen dazu bringt, inauthentisch gegenüber seinem Ich zu werden und “eine Lüge zu leben”. Nur dann lebt er authentisch, wenn er im Einklang mit seiner Natur und damit allen Trieben und Lüsten lebt. In unserer Kultur ist der Versuch, diese Art der Repression durch die Gesellschaft abzuwerfen, deutlich erkennbar; das plakativste Beispiel ist mit Sicherheit der Transgenderismus: selbst die angeborenen Geschlechtsmerkmale werden als unterdrückendes soziales Konstrukt abgetan, nur das vom biologischen Geschlecht losgelöste Gender, das rein psychologisch und nicht physiologisch begründet wird, bestimmt über Identität. Die Ethik und die Definition von Glück werden von jedem einzeln definiert, sowohl die Ziele als auch die Wege beider.

Inoffizielle Gesetzgeber – Unacknowledged Legislators

In Kapitel 4 spinnt Trueman den Faden weiter und betrachtet, welchen Einfluss die Poesie insbesondere von William Wordsworth, Percy Bysshe Shelley und William Blake auf unsere heutige Welt und die sexuelle Revolution hatte. Poesie ist dabei viel mehr als bloße Unterhaltung, sondern dient zur Betrachtung, wie die Ideen von Rousseau die Gesellschaft formen konnten. Wordsworth schreibt dabei selbst, dass das Ziel von Poesie darin liegt, auf kunstvolle Art und Weise den Menschen wieder mit dem zu verbinden, was ihn wirklich zum Menschen macht, was genau wie die folgende Äußerung genau in das Narrativ des psychologic man passt: um der durch die damals fortschreitende Urbanisierung (und damit einer vermehrten Unterwerfung unter die repressive Gesellschaft) entstehenden Inauthentizität des Menschen Herr zu werden, muss es das Ziel sein, dass der Einzelne sich nach innen wendet und “auf sein Herz hört”. Das Mittel dazu liegt in der Poesie. Hier kommt Shelley ins Spiel: laut ihm ermöglicht Poesie es ihrem Leser, hinter die Kulissen des alltäglichen Lebens zu blicken auf das, was wirklich existiert. Das Ziel ist also ein moralisches Verbessern des Lesers: dies ist laut Shelley nur durch das Aufwühlen von Emotionen möglich. Damit versucht er zu erklären, warum die fundamental richtigen Überlegungen und Erkenntnisse der Aufklärer wie David Hume oder John Locke noch keine wirkliche Veränderung in der breiten Gesellschaft hervorgerufen hatten: sie waren schlichtweg keine Poeten – und in schwer verständlicher Prosa lässt die Welt sich nun einmal nicht verändern. Shelley greift nun direkt die Erkenntnisse Rousseaus auf und die Religion an: diese ist nichts als Manipulation, um den Menschen von seinen inneren Begierden und damit seiner Identität zu entfremden und ihn sowohl politisch als auch sexuell zu unterdrücken. Eine Befreiung von Religion bedeutet führ ihn damit politische und sexuelle Liberation. Hier wird zum ersten Mal Sexualität mit Politik verbunden, was später noch ausführlicher behandelt wird. Die romantischen Poeten werfen die Ehe als Ideal für Sexualität damit über Bord, da aus ihr unter anderem Neid und Prostitution entstehen (nicht etwa aus den verdorbenen Gesinnungen des Menschen und dem Gehorsam gegenüber seinen sündigen Lüsten!). Das Zerstören von Religion und der mit ihr einhergehenden Institution der Ehe sind somit für Shelley und Blake unerlässlich für Befreiung und Gerechtigkeit, da Beschränkungen der sexuellen Lüste des Menschen auf einen einzigen anderen das Blühen des Einzelnen aufhalten. Daher ist es für sie nicht unmoralisch, eine Ehe beim ersten Anzeichen von Unglück aufzugeben, sondern vielmehr das, was den Menschen ein Stück näher zur Authentizität gegenüber sich selbst bringt. Schuld an der Misere, in der sich verheiratete Paare befinden, sind selbstverständlich Religion und objektive Ethik. William Blake und Thomas De Quincey lösen in ihren Werken jegliche Moralvorstellung von einem Metanarrativ; Ethik wird damit zur Geschmackssache.

Das Entstehen formbarer Menschen – The Emergence of Plastic People

Friedrich Nietzsche ist wahrscheinlich besonders für eine Aussage bekannt: “Wir haben Gott getötet“. Das ist ein Zitat des tollen Menschen aus seinem Werk Die fröhliche Wissenschaft. Laut dieser Figur wirft der getötete Gott jedoch noch lange seine Schatten, derer wir uns noch entledigen müssen. Einer dieser Schatten ist die Theologie: für Nietzsche nichts als persönliche Meinung in sakralem Gott-Mensch-Mantel. Laut ihm ist der größte Fehler des Menschen der, dass er in größeren Kategorien denkt als er selbst. Ultimativ ist einzig und allein die persönliche Zufriedenheit. Wahres Leben bedeutet, stets eine Optimierung dieser anzustreben. Hier wird der Mensch aber zum eigenen Schöpfer: individuelles Glück ist höchst unterschiedlich und keinerlei Transzendenz unterworfen.

Karl Marx ist wohl für dieses Statement bekannt: “Religion ist das Opium des Volkes“. Die Ehre, die die Menschen Gott geben, sollten sie laut ihm sich selbst geben, um das volle Potenzial ihres Wesens ausschöpfen zu können. Arbeiter sollen nicht länger von der Frucht ihrer Hände entfremdet werden.

Charles Darwin leistet seinen Beitrag durch die Entwicklung einer Theorie der Entstehung der Welt ohne jeglichen Telos. Das Ergebnis seiner Überlegungen ist eindeutig: die Welt ohne einen Schöpfer, ohne eine Transzendenz, beinhaltet keinerlei transzendente, objektive ethische Standards, denen man sich unterwerfen müsste. Die Arbeit von Dichtern und Philosophen wird nun auch naturwissenschaftlich erklärt. Nicht mehr nur die von Romantikern hervorgerufenen Gefühle bringen die Ideen der Aufklärer unter die Leute, sondern auch die gemeinhin als glaubwürdig angesehene Wissenschaft. Der biblische Bericht der Genesis wird mehr und mehr abgelehnt. Aber was dabei auch klar ist: während der Schöpfungsbericht den Menschen als die Krone der Gesellschaft hervorhebt und ihm eine ultimative Bedeutung in Beziehung zu Gott gibt, die Tiere nicht besitzen, wird er, indem Shelley, Nietzsche und Darwin die Triebe als vordergründig identitätsstiftend betrachten, gegenüber anderen Spezies relativiert. Die folgerichtige, aber knallharte Erkenntnis: Teleologie ist genau wie Religion Unsinn, Ethik ist Repression und das Ziel jedes Einzelnen sollte Hedonismus sein, die Maximierung der persönlichen Zufriedenheit. Somit lässt sich verstehen, warum das Narrativ von der Opferrolle gesiegt hat und heute dominiert: der Mensch ist seit jeher Opfer von Repression und Unterdrückung durch alles, was die second world für heilig hält.

Sigmund Freud, Gesellschaft und Sex – Sigmund Freud, Civilization, and Sex

Um zu verstehen, warum Sex nicht mehr nur als ein Akt (der Liebe zweier Ehepartner zueinander), sondern grundlegend für die Identität ist, muss eine weitere Person betrachtet werden: Sigmund Freud. Er hat sich intensiv mit dem Narrativ beschäftigt, warum durch die Entfremdung des Menschen von seinen sexuellen Bedürfnissen Inauthentizität entsteht und ist maßgeblich verantwortlich für die Infantilisierung von Sexualität um das Jahr 1900 herum. Freud untersuchte ganz besonders das Phänomen der kindlichen Masturbation und sexualisierte sogar das Stillen, das Daumenlutschen und die Kontrolle des Stuhlgangs von kleinen Kindern. Ein Kind, das diese Dinge beherrscht sowie in der nächsten Phase regelmäßig masturbiert, ist ein authentisches Kind, da es seinen inneren Trieben folgt. Das Eingehen einer Ehe in der nächsten Phase, im jungen Erwachsenenalter, ist dann folgerichtig ein inauthentischer Akt, da die Einschränkung auf einen einzigen Sexualpartner schlecht für persönliche Befriedigung ist. Für Freud ist Religion somit das Ergebnis von unmündigem Denken und ist – natürlich – über Bord zu werfen. Gleichermaßen ist Kultur gleichbedeutend mit der Einengung sexueller Begierden, da sie sonst nicht funktionsfähig wäre – sie muss persönliche Lust einschränken, um Institutionen wie die Ehe aufrechterhalten zu können. Damit wird jedem Einzelnen jedoch ein schlechtes Gewissen unausweichlich gemacht, wenn er seinen Trieben folgt – und in der Folge kommt Freud zu der Erkenntnis, dass wahres Glück in einer Gesellschaft wie der unsrigen nicht erreichbar ist.

Damit können wir immer mehr einen roten Faden finden: durch Rousseau und die romantischen Poeten wurde das Ich psychologisiert; durch Freud wurde die Psyche dann sexualisiert. Der nächste Schritt liegt darin, herauszufinden, wie es dazu kam, dass Sex so stark politisiert ist.

Die Neue Linke und die Politisierung von Sex – The New Left and the Politicization of Sex

Wie haben es diese Ideen von Freud geschafft, grundlegend für das Denken heute zu werden? Dazu ist eine Betrachtung notwendig, die auf den ersten Blick zunächst einmal in sich selbst widersinnig erscheint: die Verheiratung von Sigmund Freud und Karl Marx. Während Freud, wie vorangegangen erläutert, Gesellschaft pessimistisch als schlecht und zerstörerisch für den Menschen ansieht, steht Marx ihr durchweg optimistisch gegenüber; sie braucht lediglich eine Anpassung. Wie sind diese beiden zunächst offensichtlich widersprüchlichen Einstellungen miteinander zu vereinbaren? Hier kommen der Psychoanalytiker Wilhelm Reich und der Philosoph Herbert Marcuse ins Spiel.

Reich gibt wie auch schon Shelley und Blake der Kirche die Schuld an der sexuellen Repression, geht in Sachen der Unterdrückung durch die Gesellschaft jedoch noch einen Schritt weiter als Freud: für ihn ist die traditionelle Familie eine Form des Zusammenlebens, in die der Staat einzugreifen hat, wenn sie durch traditionelle Sexualmoral zum Gegner politischer Befreiung wird. Konkret heißt das, dass die sexuelle Erziehung der Kinder innerhalb der Familie eine politische Sphäre ist, die nicht mehr allein den Eltern überlassen werden kann; wenn ein Vater seinem minderjährigen Sohn verbietet, mit einer fremden Person zu schlafen, wendet er repressive Bourgeoisie-Ideologie an und muss aufgehalten werden. Politische Freiheit ist nur durch sexuelle Liberation zu erreichen. Das Problem, dass sich uns dabei jedoch stellt, ist das: warum sollte Pädophilie dann ein Problem sein, wenn sie nichts als eine befreite innere Begierde ist? Wer will sie verbieten?

Herbert Marcuse schließt sich Reich an: es wird eine grundlegende sexuelle Befreiung benötigt, um eine Gesellschaft in sich wirklich frei machen zu können. Wie dies konkret aussehen soll, beschreibt er jedoch nicht. Was bei ihm jedoch sehr gut aufzuzeigen ist, ist die Arbeitsweise linker Ideologie: die Meinungsfreiheit jedes Einzelnen muss kontrolliert werden, da nur “gute” und “richtige” Aussagen, also diejenigen, die in das Narrativ dieser sexuell-politischen Oppression und der angestrebten Liberation passen, öffentlich ausgesprochen werden dürfen. Jeder, der etwas anderes sagt, zeigt, dass er im falschen Bewusstsein lebt und zu den Unterdrückern gehört; hierin liegt der Beginn der kritischen Theorie.

Der Beginn der Trennung von Gender und Geschlecht ist schon bei Marx zu finden, wurde jedoch besonders durch die Arbeit der Feministinnen Simone de Beauvoir und Shulamith Firestone geprägt. Diese beiden Frauen waren der Meinung, dass Frau nicht geboren, sondern durch das soziale Gebilde um sie herum zu dem wird, was sie ist und dass die voranschreitende Technologie eine sexuelle Befreiung von “biologischen Problemen” möglich machen wird. Und da Identität nicht länger von äußeren, objektiven Geschlechtsmerkmalen abhängig gemacht werden sollte, sondern von inneren, subjektiven Gefühlslagen, sind für sie nicht länger eine Binarität der Geschlechter und heterosexuelle Beziehungen mit dem Ziel der Fortpflanzung die Norm, sondern polymorphe Pansexualität.

Es wird also ersichtlich, dass sich Freud/Nietzsche und Marx/Neue Linke sehr wohl miteinander vereinbaren lassen. Deutlich wird das am Beispiel einer Person, die sich gegen Homosexualität ausspricht: Freud würde ihm antworten, dass dies eine irrationale, sozial begründete Meinung ist, und die Neue Linke würde dem hinzufügen, dass diese irrationale, sozial begründete Meinung ein Zeichen dafür ist, dass die Bourgeoisie die working class unterdrückt. Und wer das Konzept von Hegel verstanden hat, dem ist an dieser Stelle klar, dass bloße Toleranz dann nicht mehr genug ist: wer sexuell befreit ist, lebt frei; wer dabei bekräftigt wird, der ist glücklich. Die Frage ist jedoch: wohin führt sexuelle Liberation, wenn niemand ihre Grenzen festlegt, da diese Grenzen ja stets als Repression zurückgewiesen würden? Hier hat man eine Büchse der Pandora geöffnet.

Der Triumph des Erotischen – The Triumph of the Erotic

Im Surrealismus, dessen erklärtes Ziel es war, die sexuelle Revolution durch die Befreiung der menschlichen Bedürfnisse in der Kunst abzubilden, hat es Pornographie schrittweise geschafft, das gesellschaftliche Stigma zu verlassen und zur Norm zu werden. Losgelöst von traditionellen sexuellen Beziehungen wird gezeigt, dass die Person nicht das Ziel ist, sondern nur ein Mittel zur persönlichen Befriedigung – genau das, was den Wert des psychologic man ausmacht – während Sex in einer lebenslangen Beziehung nicht nur die bloße kurzfristige Befriedigung erreichen will, sondern die Stärkung eines einmaligen, engen und sicheren Bundes. Sexuelle Liberation ist somit untrennbar verbunden mit einer Trivialisierung von Sex. Pornographie ist hier absolut zweckdienlich, da sie noch “billiger” ist als Sex innerhalb eines One Night Stands oder Prostitution. Der Mensch wird zum Mittel, es kommt zur vollkommenen Trennung von Liebe und Sexualität, ohne, dass das Haus verlassen werden und die Gefahr des Entdecktwerdens eingegangen werden muss.

Solange es dich befriedigt, ist alles gut. So werden Pornographie und der Einzug sexueller Gedanken in Popsongs, Netflix-Serien usw. zum Zeichen dafür, dass wir Gott für uns wirklich getötet haben. Von der Bibel verlangte Keuschheit und Reinheit werden absolut lächerlich gemacht (Stichwort deathwork): wer diese Prinzipien lebt, zeigt, dass er sich unterdrücken lässt und inauthentisch lebt.

Der Triumph des Wohltuenden – The Triumph of the Therapeutic

Im Jahr 2015 ging ein Gerichtsurteil in den USA um die Welt: im Zuge von Obergefell v. Hodges wurde festgelegt, dass homosexuelle Ehen vereinbar mit der Konstitution und damit rechtmäßig sind. Bis zu diesem Urteil sind einige Meilensteine näher zu betrachten. Zum einen ist da das Urteil Planned Parenthood of Southeastern Pennsylvania v. Casey, das 1992 festlegte, dass jeder die Freiheit besitzt, sein eigenes Konzept von Existenz zu definieren. Allein das Wording, das erst einmal nichts ausschließt, macht stutzig: wer verbietet mir dann, Vergewaltigungen als grundlegend für meine Existenz zu definieren? Wohlgemerkt: hier geht es nicht um die Entscheidung eines popeligen Provinzgerichtes, sondern um ein Urteil des Supreme Court, vergleichbar mit unserem deutschen Bundesverfassungsgericht. United States v. Windsor warf 2002 dann christliche Werte für Ehe völlig über Bord, was wieder der Büchse der Pandora gleichkommt: wer wird dann drei Personen verbieten, eine Dreiecks-Ehe einzugehen, wer einem Mann, seinen Hund zu ehelichen?

Im Lichte dieser Urteile ist von vornherein klar, dass 2015 so entschieden werden musste. Die dabei angebrachten Begründungen, dass Autonomie und Einvernehmlichkeit und ein sicherer Hafen für Kinder, wie er auch in traditionellen Familien gegeben wäre, in einer homosexuellen Ehe vorhanden sind, klingen hierbei zwar eloquent, werfen die dahinterliegenden Narrative jedoch über Bord.

Der Philosoph Peter Singer (glücklicherweise kein Verwandter) mag sich zwar krasser als die breite Gesellschaft zum Thema Abtreibung äußern, seine Arbeit ist jedoch mit den vorangehenden Betrachtungen konsistent. Die klassischen Argumente für Abtreibung sind für ihn nicht überzeugend. Vielmehr stellt er Mensch und Tier auf eine Ebene: ein Individuum sollte dann getötet werden dürfen, wenn es kein Bewusstsein seiner eigenen Person besitzt und nicht in der Lage ist, zwischen Leben und Tod zu unterscheiden und einen Lebenswillen zu äußern. Da inneres Wohlbefinden das definierte Zielkriterium von Ethik ist (Singer verfolgt einen utilitaristischen Ansatz), ist die Tötung von Embryonen und Säuglingen (auch nach der Geburt!) vollkommen zu rechtfertigen, wenn das Kind nicht dazu dient, das Glück der Eltern zu steigern. Das einzige und letzte Entscheidungskriterium, ob ein Baby leben darf, ist somit die Zufriedenheit und die psychologische Gesundheit der Mutter. Das passt ins Narrativ vom psychologic man und der geöffneten Pandora-Büchse.

Die Meinungsfreiheit eines Einzelnen, für deren Bewahrung viele Menschen ihr Leben gelassen haben, wird mehr und mehr von einem wertvollen Gut zu “Hassrede” umgedichtet, wenn sie persönliche Emotionen und das Ideal des Wohlbefindens verletzt. Das große Metanarrativ einer wertvollen menschlichen Natur geht verloren, vielmehr steht die Repression marginalisierter Randgruppen im Vordergrund. Dahinter liegt die Annahme, dass die jetzige Identitätspolitik die einzig richtige ist. Geschichte, historische Präzedenz, wird nur dann angewandt, wenn sie ins gewünschte Bild passt und ansonsten vergessen – das nennt Trueman kulturelle Amnesie (cultural amnesia).

Der Triumph des T- The Triumph of the T

LGBTQ+ als der aktuellste Ausdruck einer Welt des psychologic man ist theoretisch eine sehr unnatürliche Gemeinschaft: selbst Feministen sehen keinerlei intrinsische “gemeinsame Sache” zwischen und G. Adrienne Reich begründet dies mit den Unterschieden zwischen den Geschlechtern – einzig und allein die Opferrolle vereinen die Schwulen- und die Lesbenbewegung.

Die Transgenderbewegung erfordert, dass die Kultur um sie herum entscheidenden Wert auf die Psychologie und die Sexualität legt, wenn es um Identität geht: das angeborene Geschlecht wird zum vernachlässigten, ja loszuwerdenden Konstrukt, wenn das innere Ich etwas anderes sagt oder sich anders anfühlt. Die große Frage: wie passt das T, das das biologische Geschlecht nicht unterscheiden und als kulturelle Repression abtun will, zu und G, die ja sehr wohl Wert auf diese Unterscheidung legen (siehe nicht zuletzt Adrienne Reich). Wiederum ist dies nur mit dem Zusammenschluss marginalisierter Randgruppen zu erklären, die unter dem Druck einer paternalistischen Gesellschaft stehen. Und so steht die LGBTQ+-Bewegung in gemeinsamer Opposition gegen das heterosexuelle Normativ, auch wenn sie in sich Spannungen besitzt, die von einigen Feministinnen nicht getragen werden. Damit wird LGBTQ+ wie Pornographie zur deathwork. Welcher Druck durch das eigene Festlegen des Geschlechts auf Kinder ausgeübt wird, ist schier unvorstellbar.

Prolog – Prologue

Obwohl wir als Christen unsere bleibende Stadt suchen, leben wir in dieser Welt und müssen mit ihr umgehen – und auch die Kirche ist von den vorangehend betrachteten Mustern der sexuellen Revolution und den Ideologien der Neuen Linken und der LGBTQ+-Bewegung nicht verschont geblieben. Die im Vordergrund stehende Würde, mit der vieles begründet wird, ist für Christen etwas Gutes; was uns Sorge bereiten muss, ist die Loslösung dieser von jeglichem transzendenten Grund. Die Bibel hat viel darüber zu sagen, in welchem Rahmen Sexualität gut und richtig ist – das sollte unser Denken darüber bestimmen. Wir sollten uns stark damit befassen, in welchen Kategorien die Gesellschaft denkt (bspw. dass Sex Identität ausmacht) und diese kritisch bewerten.

Leider scheint in Sachen der Sexualmoral laut Trueman eine Rückkehr zu traditionellen Kodizes unmöglich, da Sex Identität ausmacht und Ethik subjektiv und volatil geworden ist. Die Transgenderbewegung steht allerdings auf sehr wackligen Beinen, zum einen aufgrund der gerade begründeten Unstimmigkeiten innerhalb der LGBTQ+-Bewegung, zum anderen gibt es eben nicht wegzudichtende biologische und medizinische Unsicherheiten: werden Rechtsstreite und Schadensersatzforderungen alles zum Einsturz bringen? Trueman ist sich sicher, dass Religionsfreiheit immer weiter sinken wird, da Gläubige stets Advokaten für traditionelle Werte sind und diese letzlich verworfen wurden.

So sollten wir uns als Christen intensiv mit den kulturellen Rahmenbedingungen auseinandersetzen, in denen wir leben, und eine enge Gemeinschaft bilden, in der wir füreinander sorgen und unser moralisches Bewusstsein geformt wird. Weiter sollten wir uns laut Trueman eine biblisch geprägte Ansicht der Bedeutung des physischen, von Gott geschaffenen Körpers erarbeiten und uns bewusst machen, dass wir uns im gleichen Umfeld befinden wie die Christen des 2. Jahrhunderts: als verachtete und als zurückgeblieben und unmoralisch aufgefasste Truppe hilfloser Leute. Dass das Christentum im 3. und 4. Jhd. so weitreichende Erfolge (siehe Konzile etc.) feiern konnte, ist auf die Bibeltreue und Einheit der Gläubigen im 2. Jhd. zurückzuführen. Das sollte uns heute Mut machen und charakterisieren.

Autor: Daniel Singer


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