Jesus wie das Neue Testament ihn sieht

Wie lässt sich das Bild Jesu im Neuen Testament beschreiben, ohne es vorschnell durch dogmatische Raster oder historisch-kritische Zersplitterung zu verstellen? Mit dieser Frage beschäftigt sich James D. G. Dunn, einer der renommiertesten britischen Neutestamentler, in seinem Buch Jesus wie das Neue Testament ihn sieht. Dunns Anliegen ist es, den "kanonischen Jesus" — also den Jesus, wie ihn die Gesamtheit der neutestamentlichen Schriften darstellt — herauszuarbeiten. Das ist ambitioniert, reizvoll, aber in mancher Hinsicht auch problematisch.

 

Wer ist der Autor?

James D. G. Dunn (1939–2020) war Professor für Neues Testament an der Universität Durham und einer der führenden Vertreter der sogenannten "neuen Perspektive auf Paulus". Dunn bewegte sich theologisch in einem gemäßigt evangelikalen, ökumenisch offenen Umfeld und war stark von der historisch-kritischen Methode geprägt, ohne diese unkritisch zu übernehmen.

 

Worum geht’s?

Das Buch basiert auf einer Reihe von Vorträgen, die Dunn ursprünglich als "Library of Congress Lectures" gehalten hat. Der Band umfasst sieben Kapitel:

  1. Jesus und seine jüdische Umwelt
  2. Jesus in der synoptischen Überlieferung
  3. Jesus im Johannesevangelium
  4. Jesus im apostolischen Zeugnis (Apostelgeschichte)
  5. Jesus in den Paulusbriefen
  6. Jesus im Hebräerbrief und in der Offenbarung
  7. Der "kanonische Jesus": Zusammenfassung und Reflexion

Dunn arbeitet methodisch sauber die vielfältigen Perspektiven der neutestamentlichen Schriften heraus. Er betont, dass Jesus als eine "bleibende Erinnerung in Bewegung" im NT begegnet — dynamisch, je nach Gemeindekontext unterschiedlich akzentuiert. Besonders lesenswert ist seine Analyse der Spannung zwischen dem synoptischen Jesusbild und dem johanneischen Christuszeugnis.

 

Dunn meidet dogmatische Kurzschlüsse. Er will weder einen "reinen historischen Jesus" rekonstruieren noch eine dogmatisch vereinheitlichte Christologie aufdrängen. Vielmehr plädiert er für ein "polyphones" Verständnis der neutestamentlichen Jesuszeugnisse. Damit lädt er den Leser zu einer hermeneutischen Demut ein.

 

Dunns Buch sensibilisiert für die theologische Weite und Vielstimmigkeit des Neuen Testaments. Es fordert dazu heraus, den eigenen Zugang zum biblischen Jesus neu zu reflektieren und die historische wie theologische Dimension der Christusoffenbarung ernst zu nehmen. Wer das NT als lebendiges Christuszeugnis verstehen will, gewinnt hier wertvolle Anregungen.

 

Was gibt es Kritisches?

Gerade aus einer bibeltreuen oder evangelikal geprägten Sicht ergeben sich einige kritische Punkte:

  • Christologische Zurückhaltung: Dunn bleibt konsequent in einer deskriptiven Haltung. Er vermeidet klare Aussagen zur Göttlichkeit Jesu und zur Inkarnationslehre. Für ihn ist dies ein interpretatives Ergebnis der späteren dogmatischen Entwicklung, nicht das klare Zeugnis aller NT-Schriften. Hier bleibt er aus einer konservativen Sicht zu defensiv.
  • Historisch-kritische Prägung: Dunns "Hermeneutik der Differenz" — das bewusste Ausspielen unterschiedlicher Jesusbilder gegeneinander — läuft Gefahr, die kanonische Einheit des NT zu relativieren. Wer von der Inspiration und Einheit der Schrift ausgeht, wird hier zumindest an Grenzen geführt.
  • Methodische Begrenzung: Weil Dunn sich stark auf den historischen Entstehungsprozess der Schriften fokussiert, bleibt die Frage nach der heilsgeschichtlichen und theologischen Kohärenz des NT Jesuszeugnisses unterbelichtet.

Wer sollte das Buch lesen?

  • Theologiestudenten und Pfarrer, die sich mit der Vielschichtigkeit der neutestamentlichen Christologie auseinandersetzen wollen.
  • Leser, die ein ausgewogenes, historisch und literarisch reflektiertes Bild von Jesus im NT suchen.
  • Weniger geeignet für Leser, die eine klar bekennende, dogmatisch fundierte Darstellung der biblischen Christologie erwarten.

Was bleibt?

 

Dunn öffnet den Blick für die reiche, lebendige Vielfalt des neutestamentlichen Christuszeugnisses. Er sensibilisiert für die Notwendigkeit, Jesus im Kontext der Gesamtbotschaft der Bibel zu sehen — nicht nur im Rahmen einzelner Bibelbücher oder dogmatischer Schemata. Wer diese Perspektive theologisch einzuordnen weiß, wird an dem Buch Gewinn haben — muss sich aber zugleich bewusst sein, dass Dunns Jesusbild eher ein historisch vermitteltes, als ein in den Glauben hineinrufendes Bekenntnis ist.

Das Buch: 

  • Dunn, G. J. (2020): Jesus wie das Neue Testament ihn sieht, Deutsche Bibelgesellschaft, 224 Seiten, ISBN: 978-3-438-06023-5, Preis: 9,95 €

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