Was nicht in der Bibel steht

Uwe-Karsten Plisch legt mit diesem Band eine kommentierte Auswahl frühchristlicher apokrypher Schriften vor, die er in neuer deutscher Übersetzung bietet. Der Band umfasst erzählende Evangelien (z. B. Protevangelium des Jakobus, Petrusevangelium), Spruch- und Dialogevangelien (u. a. Thomasevangelium, Evangelium nach Maria), apokryphe Briefe, Gemeinderegeln (Didache), Apostelgeschichten und Apokalypsen (u. a. Petrusapokalypse). Die Einleitungen zu den einzelnen Schriften geben historische Einordnung, Überlieferungsgeschichte und textkritische Hinweise.

 

Positive Aspekte:

Die Übersetzungen sind flüssig, gut lesbar und zugleich nah am Quellentext. Für ein nicht-theologisches Publikum wird der Zugang erleichtert durch knappe, sachlich gehaltene Einführungen und klare Erläuterungen zu Überlieferung und Gattung. Die Aufnahme von Fragmenten und weniger bekannten Texten (z. B. Papyrus Egerton 2, Briefwechsel zwischen Seneca und Paulus) macht den Band zu einer nützlichen Überblickssammlung für alle, die einen ersten Eindruck von der Breite frühchristlicher Literatur jenseits des neutestamentlichen Kanons gewinnen wollen.

 

Kritische Einordnung:

Aus evangelikal-bibeltreuer Sicht ist jedoch die theologische Perspektive des Autors problematisch. Plisch präsentiert die Texte aus einer rein historischen und religionsgeschichtlichen Sicht, ohne klare Abgrenzung zwischen inspiriertem Wort Gottes und spätem, oft gnostischem oder pseudepigraphischem Schrifttum. Der neutestamentliche Kanon wird nicht als verbindliche, von Gott inspirierte Sammlung gesetzt, sondern primär als Ergebnis eines historischen Prozesses beschrieben. Damit wird – wenn auch indirekt – die Autorität und Exklusivität der biblischen Schriften relativiert.

Zudem wirken manche Formulierungen verharmlosend gegenüber den theologischen Abweichungen dieser Texte. So wird etwa beim Evangelium nach Maria der gnostische Charakter nicht als Widerspruch zur biblischen Christus- und Offenbarungslehre gewertet, sondern nur als historische Variante dargestellt. Auch beim Petrusevangelium oder der Petrusapokalypse werden lehrmäßige Unvereinbarkeiten mit der Schrift zwar angedeutet, aber nicht klar als falsche Lehre benannt.

 

Wer sollte das Buch lesen?

Der Band kann für historisch interessierte Christen hilfreich sein, die sich über die apokryphen Texte informieren wollen – vorausgesetzt, sie sind theologisch gefestigt und lesen kritisch im Licht der Bibel. Für den Laien ohne biblisch fundierte Vorbildung birgt das Werk jedoch die Gefahr, biblische und unbiblische Texte als gleichwertige „christliche“ Überlieferung zu missverstehen.

 

Was bleibt?

Plisch bietet einen handlichen, wissenschaftlich soliden Überblick über wichtige apokryphe Schriften, allerdings aus einer historisch-kritischen Grundhaltung heraus. Für bibeltreue Leser ist das Buch nur als Materialsammlung nutzbar, nicht als neutrale Einführung – die klare biblische Trennung zwischen inspiriertem Wort und menschlicher, oft irreführender Überlieferung muss man selbst vornehmen.


Das Buch: 

  • Uwe-Karsten Plisch: Was nicht in der Bibel steht. Apokryphe Schriften des frühen Christentums, Deutsche Bibelgesellschaft, 2018², 240 S., ISBN: 978-3-43805-148-6, Preis: 22,00 €

erhältst du hier