Das digitale Zeitalter stellt Pädagogik, Theologie und besonders die Religionspädagogik vor enorme Herausforderungen. Die Frage ist nicht nur, wie digitale Medien sinnvoll eingesetzt werden können, sondern auch, wie sie das Verständnis von „Subjekt“ verändern. Inmitten einer Kultur, die zunehmend von Algorithmen, Plattformen und Virtualität geprägt ist, stellt Bernhard Grümme die Frage nach Subjektorientierung neu. Sein Werk versteht sich als kritisch-aufgeklärter Beitrag, um Orientierung inmitten digitaler Umbrüche zu bieten.
Wer ist der Autor?
Bernhard Grümme ist Professor für Religionspädagogik und Katechetik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Seine Arbeiten sind stark von systematisch-theologischen Reflexionen geprägt, verbunden mit interdisziplinären Bezügen in Pädagogik, Anthropologie und Kulturwissenschaft.
Worum geht’s?
Das Buch trägt den programmatischen Titel Digitalisierung als Entsubjektivierung? und geht der Frage nach, ob und wie digitale Prozesse das Verständnis des Menschen als Subjekt untergraben oder neu herausfordern. Grümme untersucht religionspädagogische und anthropologische Grundlagen, beleuchtet den Streit um den Subjektbegriff und bietet eine systematische Klärung.
Besonders zentral ist die These, dass Subjektorientierung ein Axiom der Religionspädagogik bleibt – aber kritisch weiterentwickelt werden muss. Digitalisierung eröffnet neue Räume für Bildung, Identität und Freiheit, birgt aber zugleich die Gefahr der Überformung und Vereinheitlichung durch technische Systeme. Die Kapitel führen von der Auseinandersetzung mit Grundkategorien (z. B. „Das Subjekt als Letztinstanz“, „Negative Subjektorientierung“) über anthropologische und theologische Perspektiven (Subjekt als von Gott befreites Wesen) bis hin zu didaktischen Feldern.
Spannend ist auch der Abschnitt zur „Kindertheologie“, in dem Grümme hegemoniale Praktiken und Machtkonzentrationen kritisch reflektiert. Schließlich entwirft er Perspektiven, wie eine subjektorientierte Didaktik auch im digitalen Raum bestehen kann.
Der rote Faden bleibt: Digitalisierung darf nicht zur Entmündigung führen, sondern muss in den Dienst der Freiheit und Verantwortlichkeit des Menschen gestellt werden. Religionspädagogik hat dabei die Aufgabe, kritisch zu prüfen und theologisch zu begründen, wie Subjektorientierung in einer digitalisierten Welt aussehen kann.
Was gibt es Kritisches?
Das Werk ist klar akademisch und voraussetzungsreich geschrieben. Wer eine praktische Handreichung für den Religionsunterricht sucht, wird eher enttäuscht sein. Grümme argumentiert stark im Dialog mit philosophischen und pädagogischen Diskursen, wodurch der theologisch-biblische Bezug teilweise in den Hintergrund tritt. Evangelikale Leser werden anmerken, dass die Grundannahme – Subjektorientierung als Leitkategorie – stärker an der Autonomie des Menschen orientiert ist als an der Autorität Gottes und Seinem Wort. So bleibt die Schrift oft nur indirekter Referenzrahmen.
Wer sollte das Buch lesen?
Das Buch eignet sich für Studenten der Theologie, Religionspädagogik und Pädagogik, die sich mit der Frage auseinandersetzen wollen, wie Bildung im digitalen Zeitalter gestaltet werden kann. Auch für Lehrkräfte, die sich intensiver mit den theoretischen Grundlagen von Subjektorientierung und Medien auseinandersetzen möchten, ist es von Wert. Für den gemeindepädagogischen Bereich ist es weniger geeignet, da die Sprache hochakademisch und abstrakt ist.
Was bleibt?
Grümme zeigt, dass Digitalisierung nicht nur ein technisches, sondern ein zutiefst anthropologisches und religionspädagogisches Problem ist. Das Subjekt darf nicht zum Spielball digitaler Systeme werden, sondern braucht theologische und pädagogische Reflexion. Das Buch regt an, kritisch über Freiheit, Bildung und Verantwortung nachzudenken – auch wenn es nicht in allen Punkten aus bibeltreuer Sicht überzeugt.
Das Buch:
-
Grümme, Bernhard (2025): Digitalisierung als Entsubjektivierung? Kritisch-aufgeklärte Subjektorientierung in der Digitalität, Herder, 512 S., ISBN 978-3-451-02527-3, 58,00 €.
erhältst du hier.
