Das Thema Antisemitismus ist bedrückend aktuell – in Politik, Medien und leider auch in religiösen Diskursen. Simone Paganini wagt in seinem Buch die These, dass bereits in der Bibel antisemitische Tendenzen zu finden seien. Schon der Untertitel „Antisemitismus in der Bibel“ signalisiert eine steile These, die für bibeltreue Leser ein Alarmzeichen ist. Denn hier geht es nicht nur um historische Beobachtungen, sondern um die Autorität der Heiligen Schrift selbst.
Wer ist der Autor?
Simone Paganini (geb. 1972 in Italien) ist Professor für Biblische Theologie an der RWTH Aachen. Seine Ausbildung und Prägung erfolgte an katholischen Universitäten (Rom, München, Innsbruck). Seine Publikationen zeichnen sich oft durch eine populärwissenschaftliche Herangehensweise aus, die akademische Forschung mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen verbindet.
Worum geht’s?
Das Buch beginnt mit einer Einführung in die Geschichte des Antisemitismus und dessen vielschichtigen Definitionen. Paganini stellt verschiedene Begriffsbestimmungen vor (z. B. EUMC, JDA) und verweist darauf, dass Antisemitismus nicht erst mit der Shoah begann, sondern sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht.
Im Hauptteil versucht er, anhand biblischer Texte antisemitische Motive aufzudecken. Dabei geht er u. a. auf folgende Themen ein:
- Feindbilder im Alten Testament (z. B. Ägypter, Moabiter, Philister)
- Auseinandersetzungen zwischen Juden und Nachbarvölkern
- Spannungen im hellenistisch-römischen Kontext
- Das Neue Testament und die angebliche „Dämonisierung“ der Juden (besonders bei Paulus und im Johannesevangelium)
Paganinis zentrale These: Die Bibel selbst habe antisemitische Sprachmuster und Narrative tradiert, die späteren Judenhass begünstigten. Insbesondere die paulinischen Briefe und die Passionsgeschichten würden eine „Verantwortungsverschiebung“ betreiben, indem sie „die Juden“ pauschal für den Tod Jesu verantwortlich machen.
Was gibt es Kritisches?
Hier zeigt sich die theologisch problematische Stoßrichtung des Buches. Paganini behandelt die Bibel vor allem als zeitbedingtes, menschliches Dokument, das ebenso Träger von Vorurteilen und Diskriminierungen sei wie andere antike Schriften. Damit wird der Charakter der Schrift als von Gott inspiriertes und unfehlbares Wort (2Tim 3,16) praktisch geleugnet.
Besonders kritisch ist die Lesart des Neuen Testaments: Die klare Unterscheidung zwischen den jüdischen Führern, die Jesus ablehnten, und dem jüdischen Volk als Ganzes wird verwischt. Dass die Evangelien und Paulus selbst Juden waren, wird kaum reflektiert. Stattdessen entsteht der Eindruck, die neutestamentlichen Schriften seien Wegbereiter eines christlichen Antisemitismus.
Eine biblisch-reformatorische Sicht betont dagegen: Die Schrift ist nicht antisemitisch, sondern sie deckt die Sünde aller Menschen auf – ob Jude oder Heide (Röm 3,9). Die Schuld am Tod Jesu tragen nicht „die Juden“ oder „die Römer“ allein, sondern die gesamte gefallene Menschheit (Apg 2,23). Wer die Bibel als antisemitisch brandmarkt, verkennt den heilsgeschichtlichen Zusammenhang von Israels Erwählung, Verwerfung und zukünftiger Wiederannahme (Röm 11).
Darüber hinaus fällt auf: Paganini argumentiert stark kulturkritisch, weniger heilsgeschichtlich. Die Frage nach Gottes souveränem Handeln mit Israel wird völlig ausgeklammert. So verliert der Leser den Blick auf die biblische Hoffnung: „Ganz Israel wird gerettet werden“ (Röm 11,26).
Wer sollte das Buch lesen?
Das Buch kann für historisch Interessierte eine Anregung sein, weil es die Geschichte antijüdischer Vorurteile von der Antike bis zur Gegenwart nachzeichnet. Wer jedoch die Bibel als Gottes Wort liest, muss große Vorsicht walten lassen. Für bibeltreue Christen bietet die Lektüre eher eine Gelegenheit zur apologetischen Auseinandersetzung: Wo moderne Theologie die Schrift relativiert, sind wir gefordert, neu zur Autorität und Wahrheit der Bibel zu stehen.
Was bleibt?
Paganini macht auf das reale Problem des Antisemitismus aufmerksam – und das ist wichtig. Doch seine Analyse greift ins Herzstück des christlichen Glaubens, indem er der Bibel selbst antisemitische Züge zuschreibt. Damit verrät er mehr über sein Schriftverständnis als über die Bibel selbst. Die eigentliche Botschaft der Heiligen Schrift ist nicht Hass, sondern Heil: „Denn das Heil kommt von den Juden“ (Joh 4,22).
Das Buch:
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Paganini, Simone (2025): Warum sind immer die Juden schuld? Antisemitismus in der Bibel, Herder, 176 S., ISBN 978-3-451-60145-3, 20,00 €.
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