Maria fasziniert – und spaltet zugleich. Kaum eine Gestalt des Neuen Testaments wurde in der Kirchengeschichte so mit dogmatischer Last überzogen wie die Mutter Jesu. Die römisch-katholische Kirche lehrt bis heute unbiblische Mariendogmen wie unbefleckte Empfängnis, immerwährende Jungfrauenschaft und Himmelfahrt, teilweise mit Heilsnotwendigkeit verbunden. Evangelikale Christen halten dagegen an der Schrift fest: Maria war eine von Gott gesegnete Frau – aber niemals Mittlerin, Fürsprecherin oder gar Miterlöserin. In dieses Spannungsfeld legt der Autor sein Buch „Maria, wer bist du?“ hinein. Sein Anspruch lautet dabei: Wirf einen Blick über den evangelischen Tellerrand.
Wer ist der Autor?
Christophe Louis Paul Costi (geb. 1988) ist evangelisch-lutherischer Pastor. Sein Glaube ist geprägt von katholischen, charismatischen und messianisch-jüdischen Einflüssen. Diese Prägung bestimmt den Weg des Buches: Offenheit für marianische Traditionen, verbunden mit dem Anspruch einer biblischen Prüfung.
Worum geht’s?
Costi beschreibt einen persönlichen Weg: von anfänglicher Skepsis gegenüber katholischer Marienfrömmigkeit hin zu wachsender Wertschätzung einzelner katholischer Argumentationslinien. Er zeigt auf, wo ihn die Lektüre katholischer Apologeten „positiv überrascht“ hat, und versucht darzulegen, warum manche Aspekte katholischer Mariologie aus seiner Sicht „biblisch plausibel“ erscheinen. "Bei Gott ist alles denkbar. Auch, dass er Dinge tut, die unser Verstehen und unseren Horizont übersteigen. Auch Dinge, die uns komisch und widersinnig vorkommen. Deswegen bin ich durchaus offen für die Möglichkeit, dass Gott es so führt, dass Maria eine verheiratete Jungfrau bleibt. [...] Die Lehre von Marias ewiger Jungfräulichkeit wirft zwar viele schwierige Fragen auf. Aber vielleicht bringt sie die biblischen Puzzleteile besser zusammen als unsere evangelische Version." (S. 101).
Er betont, dass er nicht alles übernimmt: Bei Fragen wie der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel stellt er klar, dass evangelische Christen aufgrund des Schriftprinzips nicht folgen können. Gleichzeitig lädt er evangelikale Leser ein, sich stärker an der historischen Auslegung der Kirche zu orientieren, statt nur in eigenen Denktraditionen zu bleiben.
Das Buch ist kein exegetischer Kommentar. Es ist ein persönliches Zeugnis, angereichert mit apologetischen Bezügen. Im Gespräch zwischen einer älteren Dame und einem Pfarrer liest man dann: "Und wenn wir, gut katholisch und gut lutherisch, bekennen, dass sie uns in der Ewigkeit [gemeint ist Maria] mit ihrem Gebet unterstützt, warum sollten wir es nicht dankbar annehmen? Treten wir in ihre Fußspuren und nehmen wir unseren Platz ein als Mitarbeiter Gottes, um sein Licht in die Welt zu tragen!" Der Grundton: evangelikale Vernachlässigung Mariens korrigieren, ökumenische Verständigung fördern, katholische Sichtweisen als Bereicherung im Gespräch würdigen. So schreibt Costi "Ich frage mich deswegen, ob Marias ewiger Gebetsdienst nicht eine kraftvolle Inspiration sein kann, diese Realität tief in uns sinken zu lassen." (S. 144).
Was gibt es Kritisches?
Die entscheidende theologische Frage ist: Welche Autorität bekommt Tradition? Costi betont zwar das Schriftprinzip, öffnet aber die Tür für Tradition und kirchliche Auslegung als gleichrangige theologische Quellen. "Die Idee von Maria als neuer Bundeslade ist für mich ein Aha-Erlebnis. Es gibt tatsächlich in der Bibel zu viele Parallelen, als dass ich das als Zufall ansehen könnte. Vielleicht hat das 2. Makkabäerbuch, für Katholiken Teil der Bibel, nicht Unrecht, wenn es sagt, die Bundeslade würde eines Tages zurückkehren. Nur, dass die diesmal ein Mensch sein wird." (S. 35). Hier liegt der Bruch zur reformatorischen Klarheit: Solus Scriptura lässt keine Mischautorität zu.
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Die Schrift bezeugt keinen Auftrag und keine geistliche Rolle Mariens als Fürsprecherin oder Mittlerin.
Costi unterscheidet zwar die alleinige Mittlerschaft Christi, qualifiziert aber eine sekundäre Fürsprache Mariens als erwägenswert. Die Bibel kennt diese Kategorie nicht. 1Tim 2,5 verbietet jede Vermittlung neben Christus. -
Wo die Schrift schweigt, setzt Costi Offenheit:
etwa bei marianischer Überhöhung, die historisch-kirchlich gewachsen ist. Damit entsteht der Eindruck legitimer Lehrvarianten innerhalb des Christentums. "Ich glaube, es ist viel gewonnen, wenn wir für den Moment die Frage: "Wo steht in der Bibel, dass Maria sündlos ist?" umformulieren in: "Widerspricht es der Bibel, dass Maria sündlos ist?" Und nicht unwichtig finde ich auch die Frage: Hilft uns die Lehre von Marias unbefleckter Empfängnis, das Evangelium besser zu verstehen und mehr zu lieben?" (S. 37). -
Die ökumenische Intention führt zur Verwischung realer Grenzen:
Rom verbindet Mariendogmen mit Heilsnotwendigkeit. Wenn diese Ebene nicht klar konfrontiert wird, droht das Evangelium von Gnade allein, Christus allein, Schrift allein abgeschwächt zu werden.
Kurz: Costi meint, Brücken zu bauen. Tatsächlich verschieben sich Grenzlinien, die die Reformation zum Schutz des Evangeliums bewusst gezogen hat und die Evangelikale auch heute bewusst betonen.
Wer sollte das Buch lesen?
Für evangelikale Leser nur mit klarer theologischer Urteilsfähigkeit. Wer fest im biblischen Evangelium steht, kann Einblick gewinnen, wie ökumenische Mariologie argumentiert. Leiter und Hirten sollten dieses Buch kennen, um Entwicklungen in evangelikalen Kreisen rechtzeitig zu erkennen und biblisch einzuordnen.
Was bleibt?
Christophe Costi setzt sich intensiv mit Maria auseinander und würdigt ihren Platz im Heilsgeschehen. Sein Ansatz ist, den Austausch mit katholischer Mariologie zu fördern und dabei Christus im Zentrum zu behalten. An einigen Punkten entsteht jedoch der Eindruck, dass kirchliche Tradition und historische Auslegung stärkeres Gewicht erhalten, als es die reformatorische Betonung der Schrift allein zulässt. Dadurch werden Grenzen, die aus biblischer Überzeugung heraus gezogen wurden, teilweise weiter gefasst. Bei aller Wertschätzung Marias bleibt aus reformatorischer Sicht klar: Christus allein ist Mittler, Retter und Herr.
Das Buch:
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Costi, Christophe (2025): Maria, wer bist du? Ein verblüffender Blick über den evangelischen Tellerrand. Media Maria Verlag, 248 S., ISBN 978-3-03848-299-4, 22,90 €.
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