Das EINE Evangelium

Peter Löw und Maximilian Löw legen mit „Das eine Evangelium“ eine moderne Evangelienharmonie vor, die sich ausdrücklich an Tatian orientiert. Ziel ist eine zusammenhängende Darstellung von Leben, Leiden und Auferstehung Jesu aus den vier kanonischen Evangelien. Das Projekt beansprucht Respekt vor dem Kanon und möchte zugleich eine neue Leseerfahrung ermöglichen. Genau hier stellt sich die entscheidende Frage: Dient diese Harmonie der Klarheit des biblischen Zeugnisses oder verwischt sie notwendige Unterschiede, die der Heilige Geist bewusst gegeben hat?

 

Wer ist der Autor?
Peter Löw und Maximilian Löw treten als Herausgeber auf. Sie arbeiten wissenschaftlich, kirchlich angebunden und mit erkennbarem Interesse an historischer Theologie und Liturgiegeschichte. Unterstützt wurden sie durch eine wissenschaftliche Mitarbeiterin. Die Arbeit ist klar im akademisch-katholischen Umfeld verortet.

 

Worum geht’s?
Das Buch ist keine Übersetzung des Diatessaron, sondern eine neu zusammengestellte Evangelienharmonie auf Grundlage der Herder-Übersetzung des Neuen Testaments. Die vier Evangelien werden abschnittsweise ineinander verwoben. Auslassungen, Umstellungen und sprachliche Anpassungen werden transparent gemacht. Ziel ist ein fortlaufender, gut lesbarer Gesamtbericht über Jesus von Nazaret.


Methodisch orientiert sich das Werk an Tatian: Dopplungen werden vermieden, Parallelstellen zusammengeführt, vermeintliche Spannungen harmonisiert. Der Text liest sich flüssig, ist literarisch ansprechend und eignet sich für fortlaufende Lektüre. Der umfangreiche Anhang reflektiert Geschichte, Methode und Kritik der Gattung Evangelienharmonie.

 

Wer soll es lesen?
Gedacht ist das Buch für bibelinteressierte Leser, die einen zusammenhängenden Überblick über das Leben Jesu suchen, sowie für Leser mit historischem oder liturgischem Interesse. Für Bibelleser, die regelmäßig exegetisch arbeiten oder lehren, ist es nur eingeschränkt geeignet.

 

Was gibt es Kritisches?

Aus bibeltreuer Perspektive wirft der gewählte Ansatz einige grundlegende Fragen auf. Die vier Evangelien sind keine fragmentarischen Berichte, die erst durch Zusammenführung ihre eigentliche Aussage gewinnen. Vielmehr begegnen sie uns als eigenständige, vom Heiligen Geist bewusst gestaltete Zeugnisse, jeweils mit eigener theologischer Akzentuierung, Struktur und Zielsetzung. Eine Evangelienharmonie greift zwangsläufig ordnend, kürzend und auslegend in den Textbestand ein. Auch wenn dieses Vorgehen offengelegt wird, entsteht dabei leicht der Eindruck eines besonders ursprünglichen oder eigentlichen Gesamt-Evangeliums, den die Schrift selbst so nicht nahelegt. Hinzu kommt die Verwendung der Herder-Übersetzung, die durch ihre dynamische und theologisch offene Sprache an mehreren Stellen Fragen aufwirft. Auch die Einführung argumentiert stark kirchengeschichtlich und operiert mit einem Kanonisierungsverständnis, das die Autorität der Evangelien vor allem aus ihrer historischen Entwicklung herleitet. Der biblische Selbstanspruch der Schrift als von Gott eingegebenes Wort tritt dabei spürbar in den Hintergrund.

 

Wie kann ich das Werk nutzen?
Als literarische Nacherzählung oder als historische Annäherung an Tatian ist das Buch brauchbar. Es kann helfen, den groben Ablauf des Wirkens Jesu im Zusammenhang zu erfassen. Für Bibelstudium, Predigtvorbereitung oder theologische Schulung sollte jedoch konsequent mit den vier Evangelien selbst gearbeitet werden, in guter wortgetreuer Übersetzung und unter Anerkennung ihrer jeweiligen Eigenart.

 

 

Was bleibt?
Das Buch ist handwerklich sauber, transparent gearbeitet und gut lesbar. Es zeigt, wie groß das Bedürfnis nach Übersicht und Zusammenhang ist. Gleichzeitig macht es deutlich, warum Gott uns nicht ein Evangelium, sondern vier gegeben hat. Wer die Schrift ernst nimmt, wird die Evangelienharmonie höchstens ergänzend lesen, niemals ersetzend. Die eigentliche Kraft liegt nicht in der Zusammenführung, sondern im Hören auf jedes einzelne, von Gott gegebene Zeugnis.


Das Buch:

  • Löw, Peter / Löw, Maximilian (Hg.) (2024): Das eine Evangelium. Evangelienharmonie auf der Grundlage der Evangelienharmonie des Tatian. Herder, ca. 254 S., ISBN 978-3-451-02382-5, Preis: 24 €

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