Jesus erleben in einer digitalisierten Welt

John Eldredge will mit diesem Buch Christen helfen, Jesus in einer digitalisierten, reizüberfluteten Welt neu zu erleben. Das klingt zunächst pastoral sinnvoll: Ablenkung, innere Leere und geistliche Oberflächlichkeit sind reale Probleme. Doch Eldredges Antwort darauf ist nicht eine Rückkehr zur Schrift, sondern eine Hinwendung zu Mystik, Erfahrung und kontemplativen Praktiken. Genau hier liegt das Problem dieses Buches.

 

Wer ist der Autor?
John Eldredge ist evangelikaler Bestsellerautor und Leiter des Seelsorgedienstes Ransomed Heart. Er ist bekannt für emotional geprägte Spiritualität, innere Heilungsmodelle und eine stark erfahrungsorientierte Frömmigkeit. Seine Bücher sind populär, aber seit Jahren umstritten, weil sie psychologische, mystische und biblische Elemente vermischen.

 

Worum geht’s?
Eldredge beschreibt unsere Zeit als geistlich krank durch digitale Dauerreizung. Seine Lösung ist der Weg des „gewöhnlichen Mystikers“. Wörtlich heißt es: „Wir sind dabei zu lernen, als gewöhnliche Mystiker zu leben.“ 

 

Mystik versteht Eldredge nicht als Randphänomen, sondern als normalen Weg christlicher Reife. Der Leser wird wiederholt aufgefordert, innezuhalten, zu atmen, zu spüren und Gottes Gegenwart zu erleben. Typisch sind Einschübe wie: „Atme tief durch. Lass in dir nachklingen, was du gerade gelesen hast.“ Oder Gebetstexte wie: „Atem Gottes, Atem des Lebens, hauche mir wieder Leben ein.“ 

 

Eldredge verbindet Gottes Wirken eng mit körperlichen Empfindungen, inneren Bildern und bewusst gelenkter Wahrnehmung. Er schreibt explizit: „Man muss etwas nicht verstehen, um es zu erleben.“ Das ist programmatisch. Erkenntnis wird relativiert, Erfahrung absolut gesetzt. Die Bibel tritt in den Hintergrund, sie liefert Motive, nicht Maßstäbe

 

Wer soll es lesen?
Das Buch richtet sich an Christen, die sich innerlich leer fühlen, Ruhe suchen und sich nach „mehr Tiefe“ sehnen. Besonders ansprechend ist es für Leser, die mit klassischer Bibellektüre und Lehrverkündigung wenig anfangen können und stattdessen spirituelle Erfahrung suchen.

 

Was gibt es Kritisches?
Die zentralen Probleme sind theologisch gravierend. 

 

Erstens: Mystik wird normalisiert.

Eldredge rehabilitiert Mystik ausdrücklich: „Die Mystiker wussten, dass man, um glauben zu können, nicht die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse braucht.“ Damit stellt er Mystik nicht nur als legitime, sondern als überlegene Erkenntnisform dar. Die Schrift kennt jedoch keine Mystik als Weg zu Gott, sondern Offenbarung durch Gottes Wort. Glaube kommt aus der Verkündigung, nicht aus innerem Spüren.

 

Zweitens: Erfahrung ersetzt Erkenntnis.

Aussagen wie „Man muss etwas nicht verstehen, um es zu erleben“ stehen im offenen Gegensatz zur biblischen Betonung von Wahrheit, Lehre und Verstehen. Jesus betet um Heiligung durch Wahrheit, nicht durch Erfahrung. Paulus warnt ausdrücklich vor erfahrungsbasierter Frömmigkeit ohne Erkenntnis.

 

Drittens: Problematische Gebetspraxis.

Die wiederholten Atemübungen und rhythmischen Gebetstexte erinnern stärker an kontemplative und fernöstliche Praktiken als an biblisches Gebet. Wenn Leser angeleitet werden, über den Atem Gottes innere Zustände zu erzeugen, wird ein physischer Vorgang spirituell aufgeladen. Das Neue Testament kennt keine Atemtechnik als geistliches Mittel.

 

Viertens: Schrift wird instrumentalisiert.

Bibelstellen werden zitiert, aber nicht ausgelegt. Sie dienen als emotionale Anker, nicht als autoritative Grundlage. Exegese fehlt weitgehend. Der Maßstab ist das innere Erleben, nicht der Text.

 

Wie kann ich das Werk nutzen?
Allenfalls als Diagnose der digitalen Überreizung ist das Buch hilfreich. Eldredge beschreibt zutreffend Rastlosigkeit, Zerstreuung und geistliche Müdigkeit. Als Therapie ist das Buch jedoch gefährlich. Wer es liest, sollte es ausdrücklich kritisch tun, mit geöffneter Bibel und klarem Bewusstsein für die Grenzen subjektiver Erfahrung. Für Gemeindearbeit, Jüngerschaft oder Seelsorge ist es nicht zu empfehlen. 

 

Was bleibt?
Das Buch ist gut geschrieben, emotional ansprechend und pastoral gemeint. Aber es führt weg von der Nüchternheit, Klarheit und Objektivität der Schrift. Es ersetzt das Hören auf Gottes Wort durch das Hineinhorchen in sich selbst. Die Sehnsucht nach Ruhe und Tiefe ist berechtigt. Der Weg dorthin ist jedoch nicht Mystik, sondern Wahrheit. Nicht Atemübungen, sondern Buße, Glaube und Erneuerung des Denkens durch Gottes Wort.


Das Buch:

  • Eldredge, John (2026): Jesus erleben in einer digitalisierten Welt. Ruhe finden, Kraft schöpfen, neu staunen. Brunnen Verlag, 256 S., ISBN 978-3-7655-4268-8,  22,00 €.

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