Das Buch greift ein reales Phänomen auf: Bestimmte Texte werden im kirchlichen Leseplan seltener gelesen oder gekürzt. Die Autorin deutet dies als strukturelle Benachteiligung von Frauen. Das Thema berührt Auslegung, Kanonfrage und den Umgang mit der Schrift – also Kernbereiche biblischer Theologie.
Wer ist die Autorin?
Annette Jantzen ist katholische Theologin (Dr. theol.) und publiziert zu kirchlichen und gesellschaftlichen Themen. Sie schreibt aus einer dezidiert römisch-katholischen Perspektive und verbindet Exegese mit liturgischer Praxis und Genderdiskurs.
Worum geht’s?
Das Buch führt durch zahlreiche Frauengestalten der Bibel und stellt deren Geschichten in Beziehung zur katholischen Leseordnung. Leitthese: Frauen würden „ignoriert“, weil Texte mit weiblichen Protagonisten seltener vorkämen oder gekürzt würden. Neben kanonischen Texten behandelt die Autorin auch apokryphe/deuterokanonische Schriften (z. B. Tobit, Judit, Susanna). Stilistisch ist das Werk gut lesbar, essayistisch, zugespitzt und erkennbar von einem Anliegen getragen: Korrektur eines wahrgenommenen Ungleichgewichts.
Zentrale Beobachtungen
- Hermeneutik: Die Auswahl und Deutung folgen stark einer genderhermeneutischen Linie. Narrative werden oft als Spiegel patriarchaler Strukturen gelesen.
- Liturgie-Fokus: Maßstab der Kritik ist primär die katholische Leseordnung, nicht der Gesamtzusammenhang der Schrift.
- Kanonerweiterung: Apokryphe Texte werden funktional wie Schriftzeugnisse behandelt.
- Ton: Engagiert, teilweise polemisch.
Was gibt es Kritisches?
Das Buch liest viele Texte primär unter dem Raster von Macht, Geschlecht und struktureller Benachteiligung. Problematisch ist dabei weniger die Sensibilität für Leid und Ungerechtigkeit – die ist biblisch geboten –, sondern die Tendenz, den Text an eine moderne Agenda anzupassen. Biblische Auslegung hat vom Text selbst auszugehen: wörtlich-grammatisch-historisch. Wo die Schrift klare heilsgeschichtliche, moralische oder schöpfungstheologische Linien zieht, dürfen diese nicht relativiert werden. Die Gefahr: Der Leser hört stärker die Stimme der Gegenwart als die Stimme Gottes.
Die Einbeziehung deuterokanonischer/apokrypher Schriften verwischt die Grenze zwischen inspiriertem Gotteswort und historisch wertvoller, aber nicht kanonischer Literatur. Evangelikale Kanontreue
betont: Maßstab sind die 66 Bücher. Apokryphe Texte können kulturell interessant sein, besitzen aber keine normative Lehrautorität. Wenn Argumente auf Judit, Tobit oder Susanna gestützt werden,
entsteht ein theologisches Ungleichgewicht.
Die Kritik an der Leseordnung ersetzt faktisch die kanonische Gesamtlektüre durch liturgische Auswahlpraxis. Doch die Gemeinde ist nicht auf Perikopen beschränkt. Die Schrift selbst ist
vollständig gegeben, damit sie vollständig gelehrt wird (vgl. Apg 20,27). Verkündigung darf sich nicht vom kirchlichen Kalender abhängig machen.
Teilweise entsteht der Eindruck, als sei Repräsentation das primäre Kriterium. Die Bibel verfolgt jedoch kein modernes Gleichverteilungsprinzip, sondern offenbart Gottes Heilsgeschichte. Frauen
nehmen darin eine bedeutende, aber theologisch eingebettete Rolle ein. Maßstab ist Gottes Offenbarung, nicht statistische Parität.
Wer soll es lesen?
Leser, die sich mit feministischer/genderorientierter Bibellektüre auseinandersetzen wollen oder Einblicke in die katholische Leseordnung suchen. Für bibeltreue Auslegung braucht es jedoch ein kritisches Filter.
Wie kann man das Werk nutzen?
Als Anlass zur Reflexion über Predigtpraxis, Textauswahl und den Umgang mit schwierigen Frauengeschichten. Gewinnbringend wird die Lektüre dort, wo sie den Leser zurück in den biblischen Text treibt – nicht, wo sie den Text ideologisch umlenkt.
Was bleibt?
Das Buch erinnert daran, dass Leid, Gewalt und marginalisierte Stimmen im biblischen Text ernstgenommen werden müssen. Es provoziert – und genau das kann hilfreich sein, wenn es zur vertieften Schriftlektüre führt. Entscheidend ist, dass am Ende nicht das Deutungsraster siegt, sondern Gottes Wort. Die Autorität liegt nicht bei unserer Perspektive, sondern bei der inspirierten Schrift.
Das Buch:
- Jantzen, Annette (2021): Die ignorierten Frauen der Bibel. Was im Gottesdienst nicht gelesen wird. Verlag Herder, 304 S., ISBN 978-3-451-02546-4, Preis: 24,00 €.
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