Das Buch Make Room – Wie geistliche Sensibilität mehr Nähe zu Gott schafft von Jael-Deborah Jaensch will Christen helfen, Gottes Gegenwart bewusster wahrzunehmen. Die Autorin lädt dazu ein, innerlich zur Ruhe zu kommen, Gott „Raum zu geben“ und sensibel für sein Reden zu werden. Das Thema spricht eine echte Sehnsucht vieler Christen an: Wie lebt man bewusst mit Gott im Alltag? Doch genau an diesem Punkt zeigt sich auch eine theologische Spannung. Denn die Frage ist: Wie redet Gott heute wirklich – und woran messen wir geistliche Eindrücke?
Wer ist die Autorin?
Jael-Deborah Jaensch (Jg. 1994) lebt im Ruhrgebiet und gehört zur Christus Gemeinde Velbert. Nach ihrem Germanistikstudium arbeitete sie als Deutschlehrerin und Lektorin und ist heute in der SCM-Verlagsgruppe tätig. Laut Klappentext besuchte sie zwischen 2018 und 2023 eine Prophetieschule im Jesus Centrum Kassel und war Teil eines entsprechenden Leitungsteams. Diese Prägung erklärt die charismatische Ausrichtung des Buches.
Worum geht’s?
Das Buch möchte Leser dazu anleiten, geistlich sensibler zu werden und Gottes Gegenwart im Alltag zu erleben. Inhaltlich führt die Autorin durch mehrere Schritte: Alleinsein vor Gott, Gott „anschauen“, innere Stimmen sortieren, Frieden finden und schließlich Eindrücke oder Gedanken wahrnehmen, die als Reden Gottes verstanden werden könnten.
Praktisch bedeutet das zum Beispiel:
– Gott bewusst Zeit und Raum geben („Make Room“)
– innerlich still werden
– Gedanken wahrnehmen, die plötzlich auftauchen
– diese Eindrücke als mögliche Führung Gottes deuten
An manchen Stellen beschreibt die Autorin Übungen, in denen Leser Gott Fragen stellen und darauf achten sollen, „welcher Gedanke dir durch den Kopf schießt“ (vgl. S. 90). Später wird auch davon gesprochen, prophetische Eindrücke weiterzugeben oder zu beurteilen.
Der Stil ist leicht zugänglich, persönlich und stark erfahrungsorientiert. Es finden sich Gebete, Reflexionsfragen und Platz für eigene Notizen. Das Buch liest sich eher wie ein geistliches Arbeitsbuch als wie eine theologische Abhandlung.
Wer soll es lesen?
Gedacht ist das Buch vor allem für Christen, die sich nach mehr geistlicher Erfahrung sehnen und Gott im Alltag intensiver erleben möchten. Besonders Leser aus charismatisch geprägten Gemeinden werden sich in vielen Gedanken wiederfinden.
Was gibt es Kritisches?
Das zentrale Problem des Buches liegt nicht in der Sehnsucht nach Gemeinschaft mit Gott – diese ist biblisch und gut. Problematisch ist die Art und Weise, wie Gottes Reden verstanden und gesucht wird.
Mehrfach wird suggeriert, Gott spreche heute durch spontane Gedanken oder innere Eindrücke. Leser werden angeleitet, darauf zu achten, welche Gedanken plötzlich auftauchen, wenn sie Gott eine Frage stellen. Diese Methode öffnet jedoch Tür und Tor für subjektive Eindrücke, die leicht mit Gottes Stimme verwechselt werden können.
Auch Aussagen wie, der Heilige Geist wolle „eingeladen werden“ oder werde als eine Art persönlicher Lebenspartner beschrieben (vgl. S. 120), bewegen sich theologisch in einer Richtung, die stark von charismatischer Spiritualität geprägt ist. In der Schrift wird der Heilige Geist zwar als göttliche Person beschrieben, aber nicht als jemand, der durch bestimmte Praktiken aktiviert oder bewusst „eingeladen“ werden muss.
Hinzu kommt die deutliche Nähe zu prophetischen Praktiken. Die Autorin hat selbst eine Prophetieschule besucht und spricht positiv über prophetische Eindrücke. Damit bewegt sich das Buch in einem Verständnis von fortdauernder Prophetie, das aus bibeltreuer Sicht kritisch zu beurteilen ist. Das Neue Testament zeigt, dass die Offenbarung Gottes in Christus und den apostolischen Schriften abgeschlossen ist. Maßstab für Gottes Reden ist die Schrift, nicht innere Eindrücke.
Die Gefahr solcher Ansätze ist geistliche Verunsicherung. Wer seine Gedanken ständig danach prüft, ob sie vielleicht Gottes Stimme sein könnten, verliert leicht die klare Orientierung an Gottes Wort.
Wie kann ich das Werk nutzen?
Das Buch kann helfen, über die eigene geistliche Praxis nachzudenken: Stille vor Gott, Gebet und bewusstes Leben mit Christus sind wichtige Elemente des Glaubens. Insofern erinnert das Werk daran, dass christlicher Glaube mehr ist als Theorie.
Gleichzeitig muss der Leser alles konsequent an der Bibel prüfen. Gemeinschaft mit Gott entsteht nicht durch Techniken zur Wahrnehmung innerer Eindrücke, sondern durch das Wort Gottes, Gebet und ein Leben im Gehorsam gegenüber Christus.
Was bleibt?
Die Sehnsucht nach Gottes Nähe ist berechtigt und notwendig. Christen sollen Gott suchen, ihm vertrauen und im Alltag mit ihm leben. Doch der sichere Weg zu geistlicher Reife führt nicht über subjektive Eindrücke oder prophetische Praktiken. Gott hat klar gesprochen – in seinem Wort. Darin begegnet er uns zuverlässig, verbindlich und wahr. Wer dort hört, braucht keine inneren Stimmen zu jagen. Die Schrift reicht aus, um den Menschen Gottes vollkommen auszurüsten. Gerade deshalb lohnt es sich, bei aller Sehnsucht nach geistlicher Erfahrung nüchtern zu bleiben und fest am Maßstab der Bibel zu bleiben. Dort finden wir echte Gewissheit und echte Gemeinschaft mit Gott.
Das Buch:
- Jaensch, Jael-Deborah (2026): Make Room. Wie geistliche Sensibilität mehr Nähe zu Gott schafft. SCM Brockhaus, 192 S., ISBN 978-3-417-00075-6, 18,00 €.
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