Hinführung
Das vorliegende Werk behandelt die biblische Urgeschichte und versteht sie als „Spiegel der Menschheit“. Der Autor versucht, die Texte aus Genesis 1–11 existenziell und gegenwartsbezogen zu
deuten. Die zentrale Frage lautet: Sind diese Texte primär historische Offenbarung oder Ausdruck menschlicher Selbstdeutung? Genau hier entscheidet sich, ob das Buch zur Klärung beiträgt – oder
Verwirrung stiftet.
Wer ist der Autor?
Martin Thoms (Jg. 1999) ist systematisch-theologisch geprägt und bewegt sich im akademischen Umfeld, mit Nähe zu Jürgen Moltmann. Das zeigt sich deutlich: starke Betonung von Gottes Liebe,
dialogische Offenbarung und ein hermeneutischer Zugang, der stärker von theologischen Vorannahmen als vom Text selbst gesteuert wird.
Worum geht’s?
Das Buch arbeitet sich thematisch durch zentrale Motive der Urgeschichte: Schöpfung, Fall, Gewalt, Gericht und menschliche Existenz. Auffällig ist die wiederkehrende Deutung, dass die Texte nicht
als konkrete Geschichte verstanden werden sollen, sondern als „Spiegel“ innerer Wirklichkeit und kollektiver Erfahrung. So wird etwa betont, dass es sich bei den Texten „nicht um historische
Protokolle“ handle, sondern um narrative Deutung menschlicher Existenz (vgl. Darstellung zur Einordnung von Geschichte und Mythos, S. 195 im Bildmaterial).
Der Autor spricht von einer „Entdämonisierung“ und „Anthropozentrierung“ der Texte: Der Mensch steht im Zentrum, die Texte werden als Ausdruck seiner Selbstdeutung gelesen. Gleichzeitig wird Gott stark relational gedacht – weniger als souveräner, heiliger Richter, sondern als dialogischer Gegenüber, der in menschlicher Erfahrung erschlossen wird.
Der Stil ist flüssig, reflektiert und intellektuell anspruchsvoll. Sprachlich ist das Werk zugänglich, aber inhaltlich stark von systematisch-theologischen Prämissen geprägt. Der Leser merkt schnell: Hier wird nicht primär vom Text her gedacht, sondern von einer bestimmten Gottes- und Weltvorstellung.
Wer soll es lesen?
Theologisch Interessierte, die sich mit moderner Exegese und hermeneutischen Modellen beschäftigen wollen. Für Leser, die eine klare, bibeltreue Auslegung suchen, ist das Buch
problematisch.
Was gibt es Kritisches?
Die kritischen Punkte dieses Werkes betreffen nicht Randfragen, sondern die theologische Grundstruktur. Es liegt eine in sich geschlossene, konsistente Linie vor, die deutlich von moderner, teils liberal geprägter Theologie beeinflusst ist und an zentralen Stellen vom biblischen Befund abweicht. Diese Abweichung ist nicht punktuell, sondern systematisch und durchzieht die wesentlichen Lehrbereiche.
Der Kern des Problems liegt in der Hermeneutik. Nicht mehr der Text selbst bestimmt die Theologie, sondern eine vorgegebene Gottesvorstellung steuert die Auslegung. Die Schrift wird dabei nicht als objektive, irrtumslose Offenbarung verstanden, sondern als Deutungsraum menschlicher Erfahrung. Historische Aussagen verlieren ihre Verbindlichkeit und werden funktional relativiert. "Die alten Schriften erzählen nicht, wie es physikalisch gewesen ist, sondern warum es sinnvoll ist, in dieser Welt zu leben." (S. 16). Entscheidend ist nicht mehr primär, was Gott tatsächlich getan hat, sondern welche Bedeutung ein Text für den heutigen Leser gewinnt. Damit verschiebt sich die Autorität von der Schrift hin zur subjektiven Deutung. In der Konsequenz wird auch die heilsgeschichtliche Grundlage der Bibel untergraben, etwa wenn die Urgeschichte nicht mehr als reales Handeln Gottes verstanden wird und damit die Verbindungslinie zwischen Adam und Christus ins Wanken gerät.
Aus dieser hermeneutischen Verschiebung ergeben sich die weiteren theologischen Konsequenzen. In der Soteriologie wird Erlösung nicht mehr klar exklusiv im Sinne der Schrift entfaltet, sondern in eine universale Perspektive überführt. Die Heilsgeschichte wird so gelesen, dass eine umfassende Versöhnung aller zumindest denkbar erscheint. Parallel dazu wird das Gericht seines endgültigen Charakters beraubt und als heilender Prozess interpretiert. Damit verliert die biblische Warnung vor dem ewigen Gericht ihre Schärfe, ebenso die Dringlichkeit von Buße und persönlicher Bekehrung.
Auch die Sündenlehre wird entsprechend reduziert. Sünde erscheint vor allem als soziale und strukturelle Realität – als Ungerechtigkeit und gestörte Beziehung. "Der Ursprung der Sünde liegt nicht in einer aktiven Rebellion, sondern in einer passiv erlittenen Angst." (S. 104). Die Schrift beschreibt Sünde jedoch zuerst als persönliche Auflehnung gegen Gott. Diese vertikale Dimension wird abgeschwächt, wodurch auch das Verständnis von Schuld und die Notwendigkeit der Umkehr an Gewicht verlieren.
Im Gottesverständnis zeigt sich schließlich die grundlegende Verschiebung besonders deutlich. Gottes Liebe wird betont, während seine Heiligkeit und sein gerechtes Gericht relativiert oder umgedeutet werden. Gericht erscheint nicht mehr als reales Handeln Gottes, sondern als innerer oder heilender Vorgang. Zugleich wird die Schöpfung in einer Weise beschrieben, die die Grenze zwischen Schöpfer und Schöpfung verwischt und damit biblische Grundlinien infrage stellt (vgl. S. 42ff).
Auch im Bereich von Mann und Frau sowie der Sexualethik zeigt sich dieselbe hermeneutische Grundlinie. Der Autor vertritt eine egalitäre Sicht, in der Unterschiede nicht als von Gott gesetzte Ordnung verstanden werden, sondern als historisch bedingte Modelle. "Erst im Miteinander von Mann und Frau – und in der Vielfalt menschlicher Beziehungen – zeigt sich das Bild Gottes in seiner ganzen Tiefe. Das heißt: Wo Menschen gleichwürdig leben, spiegelt sich Gott. Wo sie sich über- oder unterordnen, wird dieses Bild beschädigt." (S. 57). Die entsprechenden biblischen Aussagen verlieren damit ihren normativen Charakter und werden funktional relativiert. Die egalitäre Position ist kein Einzelaspekt, sondern Ausdruck einer tieferliegenden Verschiebung, die biblische Autorität relativiert und ethische Grenzen auflöst.
In der Gesamtschau ergibt sich ein klares Bild, welches Gottes Wort funktional interpretiert, zentrale Lehren verschiebt und in ein systematisches Konzept einbettet, das letztlich anthropozentrisch ausgerichtet ist. Der Mensch und seine Deutung rücken ins Zentrum, während die objektive Selbstoffenbarung Gottes in den Hintergrund tritt. Damit entfernt sich das Werk in entscheidenden Punkten vom biblischen Evangelium.
Wie kann ich das Werk nutzen?
Das Buch hilft zu erkennen, wie moderne Theologie arbeitet: welche Begriffe sie nutzt, wie sie historische Aussagen relativiert und wie sie den Text funktional umdeutet. Wer fest im
Schriftverständnis steht, kann hier lernen, Argumentationslinien zu durchschauen und sauber zu widerlegen.
Was bleibt?
Das Buch ist gut geschrieben und regt zum Denken an. Aber es führt in die falsche Richtung. Wer die Urgeschichte nicht mehr als reale Offenbarung Gottes versteht, verliert die Grundlage des
Evangeliums. Die Schrift spricht klar: Gott hat gehandelt, der Mensch ist gefallen, Gericht ist real – und Erlösung ist notwendig. Gerade deshalb ist Klarheit nötig. Nicht jede „tiefe“
Deutung ist wahr. Maßstab bleibt die Schrift selbst – nicht das, was der Mensch in ihr sehen möchte. Daher kann nicht zum Kauf geraten werden.
Das Buch:
- Thoms, Martin (2026): Die biblische Urgeschichte. Spiegel der Menschheit, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 238 Seiten, ISBN: 978-3-374-08051-9; Preis: 25,00 €
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