Es ist vollbracht! Oder doch nicht?

Das vorliegende Werk zur Allversöhnung greift eine zentrale Frage der Theologie auf: Wird am Ende jeder Mensch gerettet? Es geht dabei nicht um eine Randfrage, sondern um das Verständnis von Gottes Wesen, Gericht und Evangelium. Der Autor entwickelt eine systematische „Theologie der Allversöhnung“ und versucht, diese biblisch und philosophisch zu begründen. Dabei ist von Anfang an zu beachten, dass sich hier nicht einfach „System gegen Exegese“ gegenüberstehen, sondern zwei grundsätzlich verschiedene hermeneutische Zugänge zur Schrift.

 

Wer ist der Autor?
Martin Thoms, Jahrgang 1999, studierte Theologie in Braunschweig und Reutlingen und promoviert im Fach Systematische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal. Er stand in engem Austausch mit Jürgen Moltmann und bewegt sich klar im akademischen Kontext. Seine Argumentation ist entsprechend stark systematisch geprägt und verbindet exegetische, philosophische und dogmatische Überlegungen.

 

Worum geht’s?
Das Buch entfaltet schrittweise eine umfassende Argumentation für die Allversöhnung. "Die folgenden Seiten zeigen also deutlich: Du verlierst nichts, wenn du die Fantasie der Hölle loslässt. Aber du wirst vieles gewinnen. Denn die Hölle ist nicht Teil des Evangeliums." (S.  43). Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Gottes Liebe universal gedacht werden müsse und daher notwendig zur Rettung aller Menschen führt. "Die Exklusivität Christi ist also der Grund zu sagen, dass am Ende alles gut werden wird, weil es einen Gott gibt, der schrankenlose Liebe ist und ICH BIN DA heißt."(S. 232). Daraus ergibt sich ein geschlossenes theologisches System: Gottes Liebe wird als unwiderstehlich verstanden, Gericht als heilender Prozess interpretiert und Christus als kosmischer Versöhner gedacht, dessen Werk letztlich alle Menschen umfasst. "Darum ist die rettende Gerechtigkeit Gottes der Weg zur VErwirklichung der Allversöhnung." (S. 234f). 

 

Der Autor selbst betont ausdrücklich, dass er kein System „aufsetzt“, sondern zu seinen Ergebnissen durch nüchterne Exegese gelangt. Genau hier liegt jedoch der entscheidende Streitpunkt: Die Auswahl, Gewichtung und Interpretation der Texte folgt erkennbar einer leitenden Vorannahme. Thoms strukturiert seine Argumentation bewusst entlang von fünf klassischen Einwänden gegen die Allversöhnung und versucht zu zeigen, dass gerade diese Einwände – richtig verstanden – für seine Position sprechen. "Ziel dieser Arbeit ist es nun zu zeigen, dass kein einziges dieser fünf Kernargumente ein wirkliches Gegenargument für eine mögliche Allversöhnung sein muss." (S. 29). Methodisch ist das geschickt, inhaltlich aber nur dann tragfähig, wenn die zugrunde liegende Hermeneutik überzeugt.

 

Der Stil ist argumentativ und stark von philosophischen Kategorien geprägt. Begriffe wie „Therapie“ oder „Synchronisation mit der Wirklichkeit Gottes“ zeigen, dass hier nicht primär textimmanent gearbeitet wird, sondern ein Deutungsrahmen verwendet wird, in den biblische Aussagen eingeordnet werden.

 

Wer soll es lesen?
Das Buch richtet sich an theologisch interessierte Leser, insbesondere Studenten oder Leser mit Interesse an Eschatologie und systematischer Theologie.

 

Was gibt es Kritisches?
Der zentrale Konflikt liegt nicht auf der Ebene einzelner Verse, sondern auf der Ebene der Hermeneutik. Exegese ist nie voraussetzungslos. Die entscheidende Frage ist, ob die Schrift selbst die Leitlinien vorgibt oder ob eine übergeordnete Idee – hier die universale Wirksamkeit der Liebe Gottes – die Auslegung steuert. Thoms zieht für sich den Schluss, dass Gott als der Versöhner der ganzen Welt zu verstehen ist. Die Konsequenz dieser Sicht ist die Vorstellung einer Allversöhnung: Wenn Gottes Wesen ausschließlich Liebe ist und er sich in Christus so offenbart hat, dann bleibt kein Raum für ein endgültiges Gericht im Sinne eines strafenden „Henkergottes“, der anders handeln würde als der in Christus offenbarte Gott. (vgl. S. 57f). Damit wird sichtbar, dass Thoms’ Schlussfolgerung nicht isoliert steht, sondern direkt aus seiner theologischen Grundannahme über Gottes Wesen folgt. Genau an diesem Punkt setzt jedoch die entscheidende Kritik an: Wenn die Liebe Gottes so absolut gesetzt wird, dass andere biblische Aussagen relativiert oder umgedeutet werden müssen, verschiebt sich das Gottesbild selbst.

 

Falscher Gottesbegriff
Die Liebe Gottes wird funktional absolut gesetzt und gerät in Spannung zu seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit. Die Schrift kennt diese Trennung nicht. Gottes Liebe zeigt sich gerade darin, dass Christus das Gericht trägt, nicht darin, dass Gericht letztlich aufgehoben wird.

 

Umdeutung zentraler Begriffe
Begriffe wie „Gericht“, „Strafe“ und „ewig“ werden systematisch umgedeutet. Besonders deutlich wird das bei Matthäus 25,46: Die Parallelität von ewigem Leben und ewiger Strafe wird aufgebrochen, ohne dass dies textlich überzeugend begründet wird.

 

Verharmlosung der Sünde
Sünde erscheint nicht mehr primär als schuldhafte Rebellion gegen Gott, sondern als heilbares Defizit. Damit verschiebt sich die gesamte Hamartiologie. Gericht wird dann notwendig therapeutisch und verliert seinen strafenden Charakter.

 

Auflösung der Rechtfertigungslehre
Die biblische, forensische Rechtfertigung wird durch ein therapeutisches Modell ersetzt. Der Mensch wird nicht mehr allein aufgrund der Zurechnung der Gerechtigkeit Christi gerecht gesprochen, sondern durch einen Prozess verändert. Das untergräbt zentrale Aussagen von Römer 3–5.

 

Veränderte Christologie
Christi Werk wird nicht nur als hinreichend, sondern als notwendig wirksam für alle gedacht. Daraus entsteht eine Heilsautomatik, die die biblische Notwendigkeit des Glaubens relativiert (Johannes 3,36).

 

Auflösung des Gerichts
Gericht wird in einen heilenden Prozess integriert. Damit verliert es seinen endgültigen Charakter, wie er in Offenbarung 20 klar bezeugt wird.

Hermeneutischer Grundfehler Die Argumentation folgt einem deduktiven Muster: Universal klingende Texte werden absolut gesetzt, Gerichtstexte relativiert oder umgedeutet. Das ist keine ausgewogene Exegese, sondern eine theologisch gesteuerte Lesart.

 

Logischer Widerspruch
Der Autor betont einerseits die Freiheit des Menschen und verneint Zwang, behauptet aber andererseits eine universale Rettung. Das bleibt innerlich widersprüchlich. Besonders deutlich wird die Problematik an der eigenen Zuspitzung des Autors: Der „Adolf Hitler, den wir kennen“, werde nicht gerettet, wohl aber die dahinterstehende Person, die gereinigt und erneuert wird – und zwar in einem Prozess, der letztlich zu einer Versöhnung mit den Opfern führt. Diese Vorstellung wirkt moralisch ansprechend, steht aber im direkten Spannungsverhältnis zur biblischen Lehre vom endgültigen Gericht. Sie zeigt exemplarisch, wie stark hier ein ethisches Empfinden die Theologie prägt. (Vgl. Debatte zwischen Thoms/Grünholz).

 

Verlust der Dringlichkeit des Evangeliums
Wenn das Heil letztlich alle erreicht, verlieren Warnungen vor Gericht ihre reale Schärfe. Die Botschaft Jesu vom schmalen Weg wird funktional entleert.

 

Geistliche Gefahr
Das Buch kann den Leser beruhigen, wo die Schrift warnt. Es vergrößert scheinbar Gottes Liebe, indem es seine Heiligkeit relativiert. Das Kreuz zeigt jedoch das Gegenteil: Sünde ist so ernst, dass sie das Gericht Gottes verlangt.

 

Zusätzliche Entwicklung im Gesamtwerk
Auffällig ist, dass Thoms diese Linien in weiteren Arbeiten fortführt, insbesondere in seinem Werk zur Urgeschichte (s. eigene Rezension). Dort werden Gotteslehre, Anthropologie, Soteriologie und vor allem Hamartiologie konsequent in Richtung seines Systems weiterentwickelt. Gerade diese Verschiebungen haben weitreichende theologische Folgen.

 

Wie kann ich das Werk nutzen?

Das Buch eignet sich als Trainingsfeld für theologische Urteilsfähigkeit. Es zwingt dazu, hermeneutische Grundfragen zu klären: Wer bestimmt die Auslegung – der Text oder ein theologisches Leitprinzip? Wer sich mit Allversöhnung auseinandersetzen will, kann hier Argumentationslinien erkennen und gezielt prüfen. Ergänzend ist es sinnvoll, bewusst kritische Literatur zum Universalismus heranzuziehen, um ein ausgewogenes Urteil zu gewinnen (z. B. McClymond, Michael James: The Devil's Redemption : 2 Volumes: A New History and Interpretation of Christian Universalism). 

 

Was bleibt?
Das Werk ist intellektuell anspruchsvoll und zeigt, warum die Idee der Allversöhnung eine starke Anziehungskraft hat. Es arbeitet sauber strukturiert, verfehlt jedoch aus biblischer Sicht den entscheidenden Punkt: Die Schrift wird nicht mehr normierend, sondern interpretierend verwendet. Am Ende steht eine klare Entscheidung: Entweder bestimmt Gottes Wort unsere Theologie, oder eine Idee von Gottes Liebe bestimmt unseren Umgang mit Gottes Wort. Wer sich an die Schrift bindet, wird der Allversöhnung widersprechen müssen. Genau darin liegt der Gewinn der Auseinandersetzung: Das Evangelium wird geschärft – als Botschaft von realem Gericht und echter Rettung allein durch Christus und durch Glauben.


Das Buch: 

  • Thoms, Martin (2025): Es ist vollbracht! Oder doch nicht? Antworten auf Einwände zur Fantasie der Allversöhnung,  Evangelische Verlagsanstalt Leipzig (4. Aufl.) , 252 Seiten, ISBN: 978-3-37407-869-1, Preis: 35,00 €

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