Lieben am Limit

ADHS gehört zu den meistdiskutierten Diagnosen unserer Zeit. Gleichzeitig kursieren zahlreiche Missverständnisse und Vorurteile über betroffene Kinder und ihre Familien. Was bedeutet es tatsächlich, mit ADHS zu leben, Kinder durch Schule, Alltag und Gemeindeleben zu begleiten und dabei selbst nicht auszubrennen? Diesen Fragen geht Nadine Ising in ihrem Buch „Therapeutin und Mama. Gemeinsam mit ADHS“ nach. Dabei verbindet sie persönliche Erfahrungen mit fachlichem Wissen und eröffnet einen ehrlichen Einblick in die Herausforderungen und Chancen eines Lebens mit Neurodiversität.

 

Wer ist die Autorin?

Nadine Ising ist Sonderpädagogin und Lehrerin an einer inklusiven Grundschule in Brandenburg und Mutter zweier Kinder mit ADHS. Sie verbindet mehr als zwanzig Jahre berufliche Erfahrung mit den Herausforderungen ihres eigenen Familienlebens. Dadurch schreibt sie nicht aus einer rein fachlichen Distanz heraus, sondern als Betroffene, die die Belastungen und Fragen vieler Familien aus eigener Erfahrung kennt. Gerade diese Verbindung von Fachkompetenz und persönlichem Erleben verleiht dem Buch besondere Glaubwürdigkeit.

 

Worum geht's?

Das Buch folgt chronologisch dem Lebensweg der Kinder – von den Baby- und Kleinkindjahren über Kindergarten und Schule bis hinein in Jugend und junges Erwachsenenalter. Dabei beschreibt die Autorin die Entwicklung ihrer beiden Söhne ebenso wie die Auswirkungen der ADHS-Diagnosen auf das gesamte Familiensystem.

 

Besonders eindrücklich schildert sie die Spannungen zwischen Überforderung, Hoffnung, Erschöpfung und neuem Vertrauen. Sie beschreibt die vielen Herausforderungen eines Familienalltags, der von Unruhe, Konflikten, schulischen Schwierigkeiten und gesellschaftlichen Erwartungen geprägt ist. Dabei verschweigt sie weder eigene Fehler noch Krisen, Ängste oder Zeiten tiefer Erschöpfung.

 

Neben den persönlichen Erfahrungen vermittelt die Autorin fundiertes Fachwissen zu ADHS, Neurodiversität, Entwicklungsverläufen und pädagogischen Fragestellungen. Ergänzt werden die Kapitel durch Exkurse zu Themen wie Glaube, Inklusion, Geschwisterkinder, Burnout und den Belastungen innerhalb von Familien.

 

Besonders wertvoll ist ihr Blick auf Neurodiversität. Statt ausschließlich Defizite und Probleme zu betrachten, lenkt sie den Blick auf die Stärken, Begabungen und Potenziale der betroffenen Kinder. Dadurch entsteht eine ausgewogene Perspektive, die weder verklärt noch problematisiert, sondern zum besseren Verstehen beiträgt.

 

Der Stil ist persönlich, reflektiert und gut lesbar. Die Autorin schreibt offen und ehrlich, ohne in Selbstmitleid oder Anklage zu verfallen. Dadurch entsteht ein Werk, das zugleich berührt, informiert und zum Nachdenken anregt.

 

Wer soll es lesen?

Das Buch richtet sich in erster Linie an Eltern von Kindern mit ADHS. Darüber hinaus profitieren auch Angehörige, Freunde und Betroffene selbst von den zahlreichen Erfahrungen und praktischen Anregungen. Ebenso empfehlenswert ist die Lektüre für Lehrer, Erzieher, Therapeuten, Gemeindemitarbeiter und alle, die Kinder und Jugendliche mit ADHS begleiten. Das Buch vermittelt wichtige Einblicke in die Lebenswirklichkeit betroffener Familien und fördert Verständnis und Empathie.

 

Was gibt es Kritisches?

Aus biblischer Sicht handelt es sich primär um einen psychologisch-pädagogischen Ratgeber mit autobiografischen Elementen. Geistliche Fragestellungen werden angesprochen, stehen jedoch nicht im Zentrum der Argumentation. Wer eine ausführliche biblische Anthropologie oder eine systematische seelsorgerliche Aufarbeitung erwartet, wird diese nur teilweise finden. Dennoch begegnet die Autorin dem Thema Glauben respektvoll und schildert auch die Herausforderungen, die Familien mit neurodivergenten Kindern im gemeindlichen Umfeld erleben können.

 

Wie kann ich das Werk nutzen?

Das Buch eignet sich hervorragend, um ein realistisches Verständnis für ADHS zu entwickeln. Viele Erfahrungen, Beobachtungen und konkrete Anregungen helfen dabei, betroffene Familien besser zu verstehen und angemessener zu begleiten. Besonders Eltern erhalten zahlreiche praktische Hilfen für den Alltag. Gleichzeitig gewinnen Lehrer, Erzieher, Therapeuten und Gemeindemitarbeiter wertvolle Einblicke in die Herausforderungen, mit denen Familien täglich konfrontiert sind. Die Verbindung von Fachwissen, Erfahrungsberichten und konkreten Handlungsempfehlungen macht das Werk zu einem hilfreichen Begleiter für alle, die mit ADHS in Berührung kommen.

 

Was bleibt?

Dieses Buch ist sehr empfehlenswert. Es vermittelt fundiertes Wissen über ADHS und hilft zugleich, betroffene Kinder und ihre Familien besser zu verstehen. Nadine Ising verbindet ihre langjährige berufliche Erfahrung mit persönlichen Erlebnissen und eröffnet so einen authentischen Zugang zum Thema. Offen und ehrlich schildert sie Herausforderungen, Ängste und Krisen, zeigt aber ebenso Wege zu neuer Hoffnung, Kraft und Perspektive auf. Die gelungene Verbindung von Fachwissen, Alltagserfahrung und persönlicher Betroffenheit macht das Buch zu einem wertvollen Begleiter für alle, die Kinder mit ADHS verständnisvoll und kompetent begleiten möchten. Es erweitert den Blick, fördert Mitgefühl und ermutigt zu mehr Geduld, Verständnis und Weitherzigkeit.


Das Buch:

  • Ising, Nadine (2026): Lieben am Limit. Kinder mit ADHS begleiten, fördern und loslassen. Fortis Verlag, 350 S., ISBN 978-3-03848-316-8, Preis: 24,90 €

 

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