Zurück in seine Nähe

 

Mit Zurück in seine Nähe legt Denis Grams ein seelsorgerlich ausgerichtetes Buch über geistliche Entfremdung vor. Es fragt, warum Christen trotz Gemeinde, Bibelwissen und äußerlich geordnetem Alltag Gottes Gegenwart oft nur noch schwach wahrnehmen. Dabei nimmt Grams besonders die Prägungen einer beschleunigten, individualistischen und digital überreizten Kultur in den Blick.

 

Wer ist der Autor?

Denis Grams ist Pastor der Er-lebt Gemeinde in der Südpfalz und schreibt erkennbar aus der Perspektive eines Seelsorgers, der Menschen in geistlichen und persönlichen Spannungen begleiten will. Das Buch verbindet pastorale Beobachtungen, persönliche Erfahrungen und biblische Bezüge; Grams versteht sich dabei nicht als distanzierter Analytiker, sondern als Mitbetroffener, der selbst nach tragfähiger Gottesnähe sucht.

 

Worum geht’s?

Das Buch ist um fünf „Hindernisse“ aufgebaut, die nach Grams den Menschen von Gott entfremden: Ablenkung, Entzauberung, Körperferne, radikaler Individualismus sowie die vermeintliche Sinnlosigkeit von Leid und Schwäche. Der Autor beschreibt diese Bereiche als Mauern, die sich zwischen den Menschen und die Erfahrung von Gottes Gegenwart schieben. Das Inhaltsverzeichnis macht die klare Bewegung des Buches sichtbar: Von der Diagnose geistlicher Entfremdung führt es über diese fünf Themenfelder zu einem Epilog über „den Gott hinter den Mauern“.

 

Besonders ausführlich behandelt Grams die Ablenkung. Er beschreibt eine Kultur permanenter Erreichbarkeit, digitaler Zerstreuung und oberflächlicher Reizüberflutung. Seine Beobachtung ist zutreffend: Wer seine Aufmerksamkeit fortwährend an Belangloses verliert, wird es schwer haben, in Gottes Wort, im Gebet und in der Gemeinschaft der Gemeinde konzentriert zu leben. Die Bibel fordert Christen zur Nüchternheit und Wachsamkeit auf. Der Christ soll nicht von den Maßstäben dieser Welt geformt werden, sondern sein Denken durch Gottes Wort erneuern lassen.

 

Im zweiten Abschnitt kritisiert Grams eine „entzauberte“ Welt, in der nur noch das Messbare, Nützliche und Kontrollierbare zählt. Dem setzt er die Wahrnehmung von Gottes Schöpfung, Güte und Vorsehung entgegen. Das ist ein hilfreicher Gedanke. Die Schöpfung bezeugt Gottes Macht und Gottheit, auch wenn sie dem Menschen das Evangelium nicht ersetzen kann. Wo der Autor zu Dankbarkeit, aufmerksamer Wahrnehmung und Freude an Gottes guten Gaben anleitet, trifft er einen biblischen Nerv. 

 

Das Kapitel über Körperferne richtet sich gegen eine Kultur, die den Körper entweder optimiert, instrumentalisiert oder von der Schöpfungsordnung ablöst. Grams erinnert daran, dass der Mensch nicht bloß eine Seele besitzt, sondern leiblich geschaffen ist und Gott mit Leib und Seele gehört. Hier liegt eine klare Stärke des Buches. Die Bibel kennt weder Körperverachtung noch Körpervergötzung. Christus wurde wahrer Mensch, starb leiblich, ist leiblich auferstanden und wird die Seinen leiblich auferwecken. 

 

Beim Thema Individualismus betont Grams die Bedeutung verbindlicher Gemeinschaft. Er zeigt, dass christlicher Glaube keine private Selbstverwirklichung ist. Das ist wichtig, denn das Neue Testament kennt keinen isolierten Christen. Wer zu Christus gehört, gehört zugleich zu seinem Leib und ist auf Gemeinschaft, gegenseitige Ermahnung, Dienst und Fürsorge angewiesen. 

 

Der Abschnitt über Leid und Schwäche wendet sich gegen die Vorstellung, Schmerz müsse möglichst schnell überwunden, erklärt oder produktiv verwertet werden. Grams verweist auf den weinenden Christus und fordert dazu auf, Leid nicht aus dem Glaubensleben auszuklammern. Das ist seelsorgerlich hilfreich. Jesus begegnet Leid nicht mit billigen Antworten, sondern mit Wahrheit, Mitleid und schließlich mit seinem stellvertretenden Tod.

 

Der Stil ist persönlich, bildreich und gut lesbar. Grams schreibt nicht akademisch, sondern pastoral und erzählerisch. Viele Leser werden sich in seinen Beschreibungen des modernen Alltags wiederfinden. Gerade darin liegt der praktische Zugang des Buches: Es benennt Erfahrungen, die vielen Christen vertraut sind, ohne sie vorschnell abzutun.

 

Wer soll es lesen?

Das Buch eignet sich besonders für Christen, die merken, dass ihr Glaubensleben trotz Aktivität, Gemeindezugehörigkeit und Wissen über Gott innerlich flach geworden ist. Es kann vor allem jungen Erwachsenen, Mitarbeitern, Seelsorgern und Gemeindegliedern helfen, die sich mit Ablenkung, Einsamkeit, Leistungsdruck, Körperoptimierung oder Leid auseinandersetzen müssen. Weniger geeignet ist es für Leser, die eine systematische Darstellung des Evangeliums, der Rechtfertigung oder der Lehre von der Heiligung erwarten. Dafür ist das Buch zu stark von persönlichen Beobachtungen und kulturellen Analysen geprägt.

 

Was gibt es Kritisches?

Die entscheidende Frage lautet: Was ist nach der Bibel die tiefste Ursache dafür, dass Menschen Gott fern sind? Grams beschreibt vor allem kulturelle, psychologische und lebensweltliche Hindernisse. Ablenkung, Individualismus, Körperferne und die Flucht vor Leid sind reale Probleme. Sie erklären jedoch nicht die Wurzel der Gottesferne. Nach der Schrift liegt diese Wurzel in der Sünde. Der natürliche Mensch ist nicht nur abgelenkt oder emotional verschlossen, sondern geistlich tot in seinen Übertretungen, von Gott entfremdet und seiner eigenen Rettung unfähig. Diesen Punkt hätte das Buch deutlicher und durchgängiger entfalten müssen. Wo Gottesnähe vor allem als wiedergewonnene Wahrnehmung, neue Aufmerksamkeit oder geistliche Sensibilität erscheint, besteht die Gefahr einer Verschiebung. Gottes Nähe gründet nicht zuerst in einem intensiveren religiösen Erleben, sondern objektiv in der Versöhnung durch Jesus Christus. Der Sünder kommt nicht durch bessere Rhythmen, weniger Medienkonsum oder größere Achtsamkeit zu Gott zurück, sondern allein durch Buße und Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn. 

 

Damit hängt ein zweiter kritischer Punkt zusammen: Die Sprache des Buches ist an manchen Stellen stark erfahrungsorientiert. Gottes Gegenwart wird wiederholt als etwas beschrieben, das neu wahrgenommen, gespürt oder als vertraute Stimme erfahren werden soll. Solche Sprache kann pastoral sinnvoll sein, solange sie sauber biblisch bestimmt wird. Doch Christen dürfen ihre Gewissheit nicht auf die Intensität ihres Erlebens gründen. Gottes verbindliche Stimme ist die Heilige Schrift. Erfahrungen, Eindrücke und Gefühle müssen am geschriebenen Wort Gottes geprüft werden.  Im Licht der Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Schrift ist deshalb entscheidend, dass die Bibel nicht lediglich als inspirierende Begleiterin neben persönlichen Erfahrungen steht. Sie ist die höchste und unfehlbare Autorität für Glauben und Leben. Das Buch nimmt biblische Texte auf, arbeitet aber eher assoziativ und seelsorgerlich als konsequent aus dem Kontext heraus. Für eine geistliche Anwendung ist das nicht grundsätzlich falsch. Dennoch fehlt stellenweise eine sorgfältigere Exegese, die deutlich zeigt, was der jeweilige Text tatsächlich sagt und was nicht.

 

Positiv ist, dass Grams den traditionellen Kreuzweg nicht unkritisch übernimmt und darauf hinweist, dass einzelne Stationen nicht biblisch belegt oder legendenhaft geprägt sind. Zugleich bleibt die Verwendung solcher Frömmigkeitsformen problematisch, wenn sie als Hilfe zu geistlicher Tiefe dienen sollen. Christen brauchen keine symbolische Nachinszenierung des Leidenswegs Jesu, um ihm nahe zu sein. Christus begegnet seiner Gemeinde durch sein Wort, durch das Gebet, durch die Gemeinschaft der Heiligen und durch die von ihm eingesetzten Ordnungen. 

 

Charismatische Lehren oder ein Wohlstandsevangelium vertritt das Buch nicht. Gerade beim Leid widerspricht Grams einer Erfolgsmentalität, die Schmerz als Glaubensdefizit oder bloßes Hindernis betrachtet. Das ist im Sinn der Berliner Erklärung und im biblischen Verständnis von Nachfolge positiv zu würdigen. Dennoch sollte der Leser darauf achten, dass geistliche Reife nicht mit einer besonderen inneren Erfahrungsqualität verwechselt wird.

 

Wie kann ich das Werk nutzen?

Für die persönliche Stille Zeit kann das Buch als Anlass zur Selbstprüfung dienen. Leser können nach jedem Abschnitt konkret fragen: Wo prägt mich Ablenkung? Welche Gewohnheiten verhindern konzentriertes Bibellesen und Gebet? Wo lebe ich zu individualistisch? Wo versuche ich Leid zu vermeiden, statt es vor Gott zu bringen? Dabei sollte das Buch stets neben einer geöffneten Bibel gelesen werden. Hilfreich wäre etwa, die jeweiligen Themen mit Psalm 139, Johannes 15, Römer 8, Epheser 2, Kolosser 3 und 1. Petrus 1 zu verbinden.

 

Im Hauskreis kann das Werk als Gesprächsanstoß eingesetzt werden, besonders zu den Themen Mediennutzung, Gemeinschaft, Körperbild, Krankheit und Leid. Der Leiter sollte jedoch dafür sorgen, dass persönliche Erfahrungen nicht zum Maßstab werden. Jede Diskussion muss zum biblischen Befund zurückgeführt werden: Was sagt die Schrift über Gottes Gegenwart, Sünde, Buße, Heiligung und Gemeinde?

 

In der Seelsorge kann das Buch einzelne hilfreiche Impulse liefern, vor allem bei Menschen, die sich erschöpft, zerstreut oder geistlich fern erleben. Es darf jedoch keine biblische Seelsorge ersetzen. Wer unter tiefer Schuld, geistlicher Not oder anhaltender Hoffnungslosigkeit leidet, braucht nicht primär Methoden zur Entschleunigung, sondern klare Evangeliumsverkündigung, seelsorgerliche Begleitung, Gebet und gegebenenfalls professionelle medizinische Hilfe.

 

Für eine Gemeindebibliothek ist das Buch grundsätzlich geeignet, wenn es nicht unkommentiert als umfassende Lehre über Gottesnähe verstanden wird. Es kann gute Gespräche auslösen, braucht aber bibelfeste Leser und Leiter, die zwischen zutreffender Zeitdiagnose und biblischer Wurzelanalyse unterscheiden können.

 

Was bleibt?

Das Buch benennt treffend, wie sehr Ablenkung, Selbstbezogenheit, Leistungsdruck und ein falscher Umgang mit dem Körper oder mit Leid das Glaubensleben schwächen können. Seine Stärke liegt in der seelsorgerlichen Sprache und in der konkreten Beschreibung moderner Lebensmuster. Seine Schwäche liegt darin, dass die tiefste Ursache der Gottesferne – die Sünde und die Notwendigkeit der Versöhnung durch Christus – nicht mit der nötigen Klarheit im Zentrum steht. Wer das Buch liest, kann hilfreiche Anstöße für die persönliche Lebensführung, für geistliche Wachsamkeit und für verbindliche Gemeinschaft gewinnen. Er sollte diese Anstöße aber konsequent dem Evangelium unterordnen. Eine eingeschränkte Empfehlung ist daher angemessen: lesenswert als pastoraler Impulsgeber, aber nicht als grundlegende biblische Darstellung darüber, wie ein Mensch zu Gott kommt und in echter Gemeinschaft mit ihm lebt.


Das Buch: 

  • Grams, Denis (2026): Zurück in seine Nähe. Wie wir die Mauern einreißen, die uns von Gott entfremden. R. Brockhaus, 224 S., ISBN 978-3-417-01073-2, Preis 20,00 €.

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